Echtzeit - Alles von vorne
Es ist schon komisch: Den (CD-) Titel “alles von vorne” kannte ich, sogar live gehört, aber verstanden hatte ich rein gar nichts. Während ich dachte, es ginge da um offensives nach vorne gehen, sozusagen “ran an den Speck”, geht es eigentlich genau um das, naja, irgendwie Gegenteil: nochmal von vorne anfangen. Nach miesen Erlebnissen und Frustrationen wieder aufrappeln. Zweite Chancen erkennen und ergreifen. - War ‘ne richtige Entdeckertour im neuen CD-Booklet von Echtzeit. Klare, konkret erklärte Liedtexte, nachvollziehbar, aber in gewisser Hinsicht auch angreifbar. Ohne Deckung. Echt eben. Dies ist symptomatisch für die ganze Platte: Das aktuelle Zeitgefühl unserer Gesellschaft wird wie der berühmte Nagel auf den Kopf getroffen.
Tempo, Rauheit und Eingängigkeit gehen hier eine seltene Verbindung ein. Die Stimme von Frontmann Dominik Wagner ist dabei hell und klar, aber auch genügend kraftvoll. Der relativ jungen Band hört man ihr “Alter” nicht an - durch intensives Touren haben sie sich schon einen großen Erfahrungsschatz vor jeder Art Publikum erspielt, sei es als Vorgruppe oder “Hauptattraktion”. Als sie noch ‘Focus On God’ hießen, sangen sie fast nur auf Englisch und im Bereich ‘Worship-Rock’. Aufgrund von Mitgliederwechsel und Neuorientierung hat man sich der Muttersprache und den etwas härteren Gitarrenbrettern zugewandt. Zur Freude ihrer Landsleute! Produzent Daniel Konold hat nun den zehn Rock-Perlen das richtige Mäntelchen verpaßt, das auch für Radiosender nicht zu klein ist. Bei der Platte zeigt sich wieder mal die alte “Newsboys-Regel”: lieber “nur” zehn klasse Songs auf einer CD und meinetwegen 40 Minuten Spielzeit, als künstlich aufgeblähtes Repertoire ohne Seele und 70 Minuten Langeweile. Echtzeit machen lieber ihren Namen zum Credo.
In ihren Liedern beschäftigen sie sich mit der Lust am Rocken (”wir sind hier”), mit irdischem Reichtum (”mach die Augen auf”) oder auch - im Rückblick - sehr kostbar gewordenen Lebens-Momenten (”Stückchen Ewigkeit”). Sie wollen sich zudem Jesu Vorbild anschließen, der die Sünderin nicht verurteilte (vgl. Die Bibel, Johannes 8,3-11), sondern sie vor dem selbstgerechten “Mob” schützte (”Glashaus”). Selbst die Frage nach dem Sterben bekommt hier einen eigenen Song (”was wäre wenn”). Beachtlich! - Alle Lieder sind im Booklet ausführlich kommentiert, teilweise mit ausdrücklich christlichem Bezug, inklusive Bibelstellenangabe. Den Jungs spürt man ihr lebendiges Engagement für Jugendarbeit ab. Ihre theologische Ausbildung sowie ihre ‘Worship’-Ambitionen sind da mehr als hilfreich.
Fazit: Eine sehr feine CD-Produktion, die vielfälige Vergleiche überhaupt nicht scheuen braucht, jedoch noch besser ohne sie auskommt: sympathischer Drauf-Los-Rock mit Echtheitszertifikat inklusive Refraingarantie. “Alles von vorne” macht natürlich bis zum Ende Freude (Pflichtballade!) und ist ein richtig klasse Album eben von der Verpackung bis zum Sound.
—David Decker für CCM-Rezis, Dezember 2006
Daten: 10 Titel / 40 Min.
Musikstil: Rock
Label(s): 2006 Echtzeit, Hemmelzen / Ruuf Records, Ulm
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