Christoph Zehendner – Wortweltenwanderer
Es ist schon gewaltig: nach 17 Jahren erstmals wieder ein echtes Soloalbum. So gewaltig zumindest wirkt die Werbung für „Wortweltenwanderer“ von Christoph Zehendner. Nun ist er also auch bei Gerth Medien gelandet. Wo auch sonst? Der zunächst etwas protzig daherkommende Albumtitel auf dem markanten Artwork – wie es so nur von Gerth kommen kann – ist dennoch einladend und macht Lust auf mehr. Aber gut, wirklich gut gemacht, schon von der Optik her.
„Nicht am Sessel kleben, losziehn querfeldein.
Ungelebtes leben, für Wunder offen sein.
Grenzen überwinden, auch gegen Widerstand.
Neue Ufer finden hinter dem Asphaltstrand.“
(aus „Neuland“)
Deutsche Sprachpflege – auch nach 17 Jahren
Ich hatte große Erwartungen an diese CD und habe sie, ohne was zu hören, blind gekauft. Ja, und was kann ich sagen? Die Erwartungen wurden voll erfüllt, teilweise sogar übertroffen. Es ist eine sehr gute CD, die noch Raum läßt für weitere Entdeckungen, auch nach dem zweiten, dritten oder was weiß ich wievielten Anhören … So wünsch ich es mir – leider trifft es selten zu. Doch bei Zehendner weiß man einmal mehr, was man hat.
Denn es ist ja nicht sein erstes Album nach 17 Jahren, sondern halt nur seine neueste „Privat-CD“, nach „Sovielzuwenig“ von 1991. In den knapp zwei Jahrzehnten dazwischen sind zahlreiche Gemeinde- und Mitsing- und andere Projekte entstanden. Sozusagen „für andere“, zumindest vordergründig. Da gab es „Felsenfest“ und „Folgen“, die beiden Psalmen-Projekte usw. Immer wieder Neues gewagt und Bewährtes fortgesetzt, immer mit seinen Qualitäten gewuchert. Und eines verband alle diese Zwischenprojekte: ihre geistliche Ausrichtung. D.h. alle Lieder waren mehr oder weniger für die Gemeinde Jesu geschrieben – für den Einsatz als geistliche Musik. Das klingt jetzt sehr pathetisch, aber letztlich ist es doch so, oder etwa nicht? Christoph Zehendner hat dabei viele Klassiker hervorgebracht oder daran mitgewirkt. Und er war insbesondere als Texter eine Konstante der christlichen Musikszene Deutschlands. Und was gab es nicht in diesen 17 Jahren alles: den Techno-Boom, die Alternative-Rock-Welle, die Gospel-Welle, die Singer/Songwriter-Welle und natürlich ganz groß die Worship-Welle. Doch was machte Zehendner mit Z? Er blieb als Liedermacher bei seinen Liedern, er hat sich einfach nicht irre machen lassen. Nichts englisches, nichts lobpreisiges. Simple, tiefe Texte. Geistliche Themen in großer Bandbreite. Deutsche Sprachpflege. Er hat alle Trends der letzten 17 Jahre überlebt und klingt besser denn je.
Und dann bringt er 2008 so ein Album raus. Da kann man nur den Hut ziehen. Wer es noch nicht mitbekommen hat, hier stellt sich ein gereifter Künstler vor, der seinen Talenten treu bleibt, aber dennoch immer wieder Neue Akzente setzt. Mich begeistert und inspiriert das. Wie er mit Sprache gestaltet, Fakten in Lieder packt. Wirklich eine Bereicherung!
„Du kochst dich quer durch die Nationen,
im Wok wird voller Lust gebräunt.
Wie schön, an deinem Tisch zu thronen.
Man schmeckt die Welt bei dir, mein Freund.“
(über seinen Freund Manfred Staiger in „Mein Freund“)
Lebenswanderung in un-freyer Musik
„Wortweltenwanderer“ wandert durch Zehendners Leben, bietet Lieder, der er schon immer mal machen wollte. Jetzt durften sie endlich raus ins Freie! Es sind Reiseerlebnisse, Momentaufnahmen und ausgelassene Sommerabende mit seinen Freunden – im übertragenden Sinne. Die Liedtexte sind eine Klasse für sich und sie zeigen seine Gabe, mit einer auf den ersten Blick sehr sachlichen Lyrik, dennoch große Emotionen einzufangen. Es ist die Art Texte, die man zwischen den Zeilen liest, sich aber dennoch an den ganz offensichtlichen Sprachfinessen erfreut. Es ist nicht Siebald, Kosse, Swoboda oder Frey, es ist unzweifelhaft Zehendner. Dabei auch wieder Sahnerefrains, in bekannter Mitsingmanier.
Apropos Frey: Albert Frey hat die Scheibe produziert und man hört das erfreulicherweise gar nicht. Es klingt so un-frey-mäßig gut, ein Wahnsinn! So leichtfüßig, so folkig, so bluesig, so rockend (ja, es gibt sie, die Mark-Knopfler-Gitarrenanklänge…), so richtig Singer/Songwriter-mäßig. Und dabei ist trotzdem alles urdeutsch geblieben. Ich frage mich echt, WANN Albert Frey so ein Album rausbringt wie dieses? Ein Album mit NICHT-Lobpreisliedern, mit Liedern, die er schon immer mal machen wollte und dann sooooo un-frey wie hier arrangiert und produziert. Einfach genial. Das hört man gerne, genauso wie die Siebald-Platten, die in Amiland eingespielt wurden. Nur diese Platte hier wurde eben in der Heimat aufgenommen. Geil.
Und dann ist da ja noch der Gesang: Zehendner klingt besser denn je! Eine feste, ausdrucksstarke Stimme, mit Wandlungsfähigkeit in den Nuancen. Für mich ein Hörgenuß. Sie ist immer noch klar, aber hat auch so ganz leichte, sanft-rauhe Bluesanklänge, was wunderbar zum „Neuen“ Sound paßt.
„Der Staub dieser Stadt legt sich überall hin,
dringt in Häuser und Herzen, auf meiner Zunge spür ich ihn.
Der Staub dieser Stadt, der aus Resten besteht,
alte Pracht, alte Schönheit, vom Winde verweht.
Der Staub dieser Stadt, grauer Schleier im Haar,
nur ein Hauch noch davon, wie das Leben einst war.“
(über Afghanistans Haupstadt Kabul in „Hoffnungsdrachen“)
Lieder, die ihr Ziel erreichen
Die Themen der CD sind erstmal gut bebildert, dann noch besser kommentiert vom Texter selbst. Ja und? Sie erzählen eben und kommen ans Ziel! Von Freunden, von Begegnungen, von Heimat, von Neuland-Eroberungen und lebendigen Schöpfungswundern, von Jesus aus Kolumbien und Himmelstränen über deutschen Kinderseelen. Seine Psalmprojekte haben teilweise weniger Tiefe als dieses Album wandernder Worte. Ich bin schon wieder verblüfft.
Wenn ich gerade wieder auf Wanderschaft mit dem Barden aus dem Südwesten war, dann kann ich mich am Ende nur verbeugen vor der reifen Leistung und meine Leser einladen, mal ein paar Kilometer mit auf diese Klangreise zu gehen. Denn es macht dankbar und führt ins Staunen, wie Gott immer wieder Menschen mit der Kunst der Musik beschenkt!
Daten: 15 Titel / 65 Min.
Musikstil: Liedermacher, Folk-Pop, Soft-Rock
Label(s): 2008 Gerth Medien, Asslar
Web: http://christoph-zehendner.de





Hallo David,
find ich ja interessant, dass Dir die Platte so gut gefällt. Bei uns (mir und meiner Frau) ist sie ziemlich “durchgefallen”. Dabei hab ich eigentlich gedacht, sie müßte mir gefallen, denn CZ kann ja wirklich handwerklich gut texten usw. - ich hab mir 1991 das Vorgängeralbum gekauft und fand die damals für eine christliche Platte wirklich okay.
Wo wir uns einig sind: die Produktion ist wirklich schön geworden, die Arrangments klingen fein. Der Gesang ist nicht das Problem, aber das Songwriting ??? Da find iuch nicht viel dran.
Der Opener ist noch so lala. So die Ich-muss-mir-nix-mehr-beweisen-aber-ich-möcht-noch-was-reißen-Botschaft, Midlife-Crisie gut bewältigt-Glückwunsch, kann man “mitsingen”.
Beim Stück “Jesus” seh ich eine enge Verwandschaft zu “Griechische Wein” von Udo Jürgens. Etwas Schnuppern in anderer Kultur …fein.
Der Name macht mir klar, dass es gut ist, den “Geringsten meiner Brüder” nicht zu missachten, okay. Aber irgendwo bleibts eine Urlaubsepisode. Über die Gastarbeiter von Udo erfahr ich mehr …
Das Lied für Manfred Staiger macht sich gut z.B. als Vortrag auf dem 50. Geburtstag des Besungenen. Stünde es nicht in Konkurrenz zu der (bewegenderen) Hommage an den verstorbenen Bernd-Martin Müller, ließe ich es mir noch gefallen … und dann gibts nochmal eine Hommage an die Radfahr-Kumpels. Das ist …nett…aber zum oftmaligen Hören nicht so der Bringer, zumal sich Zehendner in Liedermacher/Gemeindelieder-Schreiber-Manier gerne vier Strophen ausdenkt zwischen denen man den Refrain dann halt etwas öfter hören muss als in einem prägnanten Popsong … das hat mir dann auch den Song mit dem “Walfisch” etwas verdorben, der einfach zu walmäßig lang und schwerfällig wird.
Liebeslieder für die langjährige Ehefrau - die Botschaft ist klar - aber bei Siebald find ich die mir bekannten Versuche, so was zu schreiben, etwas gelungener. Vielleicht weil er die Vollkommenheit der Gattin immer schön in Kontrast setzt zu den eigenen Schwächen.
Ah ja, Zehendner klingt für mich etwas selbstzufrieden in sich ruhend - selbst sein Zorn klingt irgendwo kultiviert: sein Blues über Kindsmissbrauch bleibt für mich eine engagierte Reportage … schon auf dem 91er Album gabs einen Blues, den ich ihm nicht abgenommen hab, weil seine Stimme einfach zu “gesund” klingt :-)
Das Lied für die Christusträger? Schön, ich liebe Kloster Triefenstein und diese Communität, aber der Refrain könnte sich auf jeden Ort beziehen, in dem man gerne einkehrt. Wenn mans bedeutungsschwanger so oft wiederholt, müßte mehr drinstecken.
Auch die Lieder zu Jerusalem und Afghanistan bleiben für mich gut formulierte Reportagen - ich höre von den Orten, aber ich fühl mich nicht hineinversetzt.
Dann gibts noch dieses Gebetslied, das ich schon beim ersten Hören unheimlich öde und langatmig fand … geht mir immer so, wenn ein Liturg die Gemeinde zum Sammelgebet bittet und sagt: so, jetzt beten wir gemeinsam mit den Worten eines indischen Baumwollpflückers aus den Anden: Guter Gott, danke für die Sonne usw.
Also - unterm Strich hab ich auf dem Album so gut wie nix für mich gefunden. Es gibt Songschreiber, die die deutsche Sprache nicht so toll beherrschen, aber mir mehr zu sagen haben und mehr Spannung in einen Song reinbringen.
Haha. Ich hab lange überlegt, wo ich meine Tirade gegen das Album loswerden kann; ich hätts mir vielleicht verkneifen können, wenn da nicht diese Eric Clapton/Marc Knopfler Vergleiche in der Werbung gewesen wären. Und als ich dann noch las, dass Christophs alter Kumpel Andreas Malessa allen Ernstes in seinen Vergleichen die “Eagles” bemüht!! Mit solchen Vergleichen wurde früher immer in den Pila-Music-Katalogen jongliert mit dem Resultat, dass ich irgendwann mal fast an dem Punkt angelangt war, mich gar nicht mehr um christliche Pop- und Rockmusik zu scheren …
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Mein Kommentar soll nicht Deine Rezension kommentieren - die ist für sich gesehn schlüssig und begründet. Haha - und ich seh gerade in Deinem Autorenportrait, Du bist auch Radfahrer - ich bin Läufer, und kann bei schönem Wetter auf einigen der nettesten Strecken unserer Umgebung nicht trainieren, weil da zu viele Rennräder bewegt werden … das erklärt bei eionem Song dieser Platte schon einen Teil unserer abweichenden Meinung :-)
@Rainer:
Danke für deinen ausführlichen Kommentar - ich habe kein Problem damit; ist alles nachvollziehbar und begründet. Ich denke unsere unterschiedlichen Ansätze haben beide ihre Berechtigung - mir geht es mit anderen Platten ähnlich, von einigen absolut verehrt, ich finde nix dran *für mich*, Beispiel: erstes Album von Leeland. Aber das ist mir einfach egal. Es gibt soviel gute Musik *für mich* da draußen :-)
Das mit den Vergleichen seh ich genau wie du, und über Pila habe ich mich deswegen genauso geärgert; vor einigen Jahren an anderer Stelle habe ich das überdeutlich gesagt! Ich hab das nur mal in Klammern gesetzt mit “Anklängen”, also als ganz ganz schwacher Wink, es soll damit jeder machen, was er will …
Ich hab das Album spontan entdeckt und finde es klasse, und es lief auch viele Male komplett, eh ich was geschrieben habe. Vielleicht sollte man einfach nicht vergessen, dass CZ eben hauptberuflich Journalist ist. Sicher prägt das. Und seine Gemeindelieder-Erfahrung konnte er sicher nicht 100%-ig abstreifen (Gegenfrage: sollte er das?), bzw. der Zuhörer kann das wohl noch weniger. Wie auch andere Rezis zeigen: man mißt ihn an seinen vorherigen Arbeiten … Tja :-)
Alles in allem: ich bin dir dankbar für den Kommentar, so kann jeder Leser selbst abwägen und hört hoffentlich mal rein! Und man sieht wieder mal: Musik differenziert unheimlich :-) — Bin schon echt gespannt, bei welcher (neuen) Platte wir wieder 100%-ig einer Meinung sind?