Musik und Gefühl in der Gemeinde leben

Seminar mit Daniel Harter (Gitarrist der Band Echtzeit) zum Thema „Musik und Gefühl in der Gemeinde leben“ auf der Wiedenester Konferenz 2008, am Samstag, 21. Juni 2008.

Daniel Harter - Seminar auf der Wiedenester Konferenz 2008Daniel Harter, Gitarrist der Band Echtzeit und im Beruf „Musikmissionar“ (ja, das stimmt wirklich!) war zur Wiedenester Konferenz 2008 eingeladen. Die ganze Veranstaltung drehte sich um das Thema „Gefühle“, doch das Thema „Musik“ kam dabei ebenso ständig in den Blickpunkt. Zwischen den Referaten gab es wie üblich den Seminarteil, hier stand Daniel Harter nun vor der Aufgabe beides noch tiefgehender zusammenzubringen.

Da die Wiedenester Konferenz eine Veranstaltung der „Brüdergemeinden“ (derjenigen aus dem Bund Evangelisch-freikirchlicher Gemeinden, sowie freie) ist, gab es in der Einführung zum Seminar bereits entschprechende Gedanken: Unsere Gemeinderichtung sowie die –Praxis zeige, dass wir eher gefühlsarme Gemeinden sind als zu emotionale Gemeinden. Daher können wir eher auf dieser Seite vom Pferd fallen. Dennoch: in unserem „normalen Leben“ seien ganz normale Gefühlsäußerungen überall anzutreffen, zum Beispiel beim Fußball-schauen. Da erkenne man manche Geschwister aus der Gemeinde gar nicht wieder, weil sie sich derartig emotional geben. In der Gemeinde zum Gottesdienst legten sie plötzlich ein völlig anderes Verhalten an den Tag. Daniel Harter zitierte den Ausspruch ‚Das Bein, das sich zum Tanze regt, wird im Himmel abgesägt!’ mit dem er in seiner Kindheit oft konfrontiert wurde. Das habe ihn sehr geprägt (obwohl er keinen brüdergemeindlichen Hintergrund hat). Die Frage sei, ob wir wirklich so sind? Oder ob wir in unseren Gemeinden ruhiger, etwas gesetzter, gar verklemmter sind? Trotzdem sei das alles kein Grund, sich nicht zu freuen!

Daniel Harter teilte das Seminar in zwei Teile, wobei er im ersten nochmals einige Thesen zu Gefühlen in der Gemeinde allgemein dargelegte. Erst im zweiten Teil ging er näher auf die Aspekte der Musik ein. Dem schloß sich ein interessanter Fragenteil an. – Ich habe nun versucht das Seminar in Textform zu bringen, zumindest einen großen Teil davon. Vielleicht ist es ja dem ein oder anderen eine kleine Hilfe:

 
I. Thema Gefühle:

Die Hauptfrage: Wie kann meine Gemeinde emotional gesund und ausgeglichen sein?

  1. Gott neu lieben lernen
    Weil unsere Liebe nicht mehr so ist wie am Anfang! Wenn die Beziehung zu Gott in Ordnung ist, dann ist automatisch Emotion und Leidenschaft dabei. – Beziehung ist Arbeit – also dran arbeiten.
  2. Sich freuen lernen
    Freuen kann man lernen – anfangen mit den alltäglichen Dingen. Konsequent in unserem Leben umsetzen. – Dankbarkeit in den kleinen Dingen verändert meine Einstellung Gott gegenüber.
  3. Ehrlichkeit und Transparenz
    Zitat: „Es gehört viel Kraft dazu, Gefühle zu zeigen, die ins Lächerliche gezogen werden können.“ (Autor unbekannt) – Sich öffnen bedeutet, sich verletzlich zu machen. Im Gottesdienst erzählen, was wir mit Gott erleben – wenn es gut geht, oder wenn es uns schlecht geht. Gemeinsam freuen, gemeinsam traurig sein. Transparenten Lebensstil pflegen. Ehrlich sagen, wie es ist. Z.b. beim Konzert, wo sich die Band vorher gestritten hat im Bus. Das Konzert hat mehr bewirkt, als manch andere.
  4. Egal, was die anderen denken
    Es geht nicht darum, was mein Nachbar denkt, sondern was Gott denkt. Es geht darum, zwischen mir und Gott die Sachen zu klären. Es geht um meine Beziehung zu Gott. Es geht im Gottes-Dienst darum, Gott zu dienen, um nichts anderes.
  5. Mit gutem Beispiel vorangehen
    Einer muß halt anfangen: mach du den ersten Schritt in deiner Gemeinde. Ehrlich sein, transparent sein, sich freuen – einfach probieren. Viele Ausreden: zu jung, zu alt, Single, ich kann nicht der sein, der den ersten Schritt macht. – Dagegen: Vorbild des Timotheus als junger Mitarbeiter.
  6. Vorsichtig sein mit Zurechtweisungen
    Situation: Ich freue mich überschwenglich in der Gemeinde… Ausspruch einer Glaubensschwester: “Wir sind hier im Gottesdienstraum – vielleicht stört es andere, wenn du dich freust (d.h. hier tanzt)…“ – Ich entgegne: “Hier darf man sich wohl nicht freuen? – Dann freue ich mich auch nicht mehr…“ – Solche Zurechtweisungen können viel kaputt machen.

 
II. Thema Musik:

Musik als Ausdrucksform unserer Gefühle:

  1. Musik ist Kunst
    Kunst spricht in erster Linie zu unseren Gefühlen, nicht so sehr zum Verstand! Das kann man in der Gemeinde nicht rausnehmen, denn Kunst spricht immer unsere Emotionen, unsere Gefühle an. – Vielleicht ist Musik deshalb auch so ein Streitthema in unseren Gemeinden? Weil das eben Emotionen hervorruft. Es bewirkt etwas in uns. Das ist eigentlich schön, und deshalb sollten wir das fördern.
  2. Generationenkonflikt
    …und weil das so ist, ist Musik auch immer ein Generationenkonflikt?
    “Wie schaffen wir es, alt und jung unter einen Hut zu bringen?“ – „Die Jugend will das fetzige Englische, das kollidiert aber mit dem, wie es bei uns immer so war…“
    Wir müssen auf einen gemeinsamen Nenner kommen, wenn es um Musik geht, weil es etwas gibt, was wir alle wollen: nämlich Gott anbeten! Die Schwierigkeit ist da, alle in ein Boot zu bekommen. Es geht darum, Gott zu sagen, dass wir Ihn lieben, das geht mit alten und neuen Liedern, schnellen und langsamen, lauten und leisen, englischen und deutschen. Wenn wir merken, dass das Anliegen unseren Teenies genauso wichtig ist wie den Senioren, entsteht sehr viel Toleranz in unseren Gemeinden, weil wir dann das eigentlich Wichtige sehen: Gott anzubeten. Die Form ist erst einmal egal, es geht um den Inhalt.
  3. Leitung von Anbetungszeiten
    Oftmals ist es so: man kommt in den Gottesdienst und ist noch ganz woanders. – Man muß erstmal ankommen im Gottesdienst. Aufgabe von einem Anbetungsteam ist es besonders: Leute abholen. Ihnen zu vermitteln: ‚Ich bin klein, Gott ist groß.’ Manchmal ist dies auch eine Aufgabe unabhängig von den Gefühlen, da mein Glaube auf Wahrheit basiert. Also auch wenn ich mich gerade nicht so fühle eine Anbetungszeit zu leiten, mache ich es trotzdem, weil ich mich auf die Wahrheit verlasse und darauf baue.
  4. Emotionale Manipulation
    Gefühlsduselei?! – „Ihr führt Leute mit Absicht dahin, daß Leute heulen oder etwas anderes.“ – Ja, es gibt sie, die ‚Gefühlsakkorde’ – und sie sind eine Gefahr. Aber durch die Musik kommt ja auch zum Ausdruck, was wir fühlen. Ein Lied in Moll drückt nun mal etwas Trauriges aus.
  5. Was bedeutet es in Bezug auf Musik und Gefühle in der Gemeinde bibeltreu zu sein?
    Gefühle sind etwas Gutes, was Gott geschaffen hat und ebenso die Musik. Wenn wir bibeltreu sein wollen, dürfen ruhig emotionaler sein. Zum Ausdruck bringen: Jesus, wir finden Dich toll.

 
Abschließende Bemerkungen von Daniel Harter:

Gefühle kommen aus der Liebesbeziehung zu Gott. Aber wir sollten den Glaube nicht darauf auf (auf den Gefühlen), sondern auf der Wahrheit. Beispiel Hiob: Er zeigte tiefe Emotionen, aber seinen Glauben baute er auf die Wahrheit.

Wenn du dir schon Veränderung in deiner Gemeinde wünschst, also mehr Gefühle und Musik, die vorangeht: Ich will dir Mut machen, nicht andere zu verurteilen, sondern Mut machen, voranzugehen mit gutem Beispiel. Transparent und ehrlich sein, dass andere wissen, wie es mir geht. Sich freuen. Die Liebesbeziehung zu Gott kommt zum Ausdruck.

 
III. Fragerunde:

Frage an Daniel Harter (als Musiker): Woran er es festmacht, ob es gelungen ist, Leute in die Anbetung zu führen oder nicht?
Antwort: Sowas geht ja gar nicht.
Aber es gibt oft die Möglichkeit einer Feedbackrunde oder eines Zeugnisteils, also Leuten die Möglichkeit geben, zu erzählen, was sie mit Gott erlebt haben. Dabei erfährt man oft, wie eine Anbetungszeit gewirkt hat. Sicher wissen kann man es nur, wenn man die Leute fragt.

Frage: Musik ist ja nur ein kleiner Ausschnitt von Gefühlen bzw. von Freude?
Antwort: Ja, das stimmt. Aber es geht ja auch darum, die negativen Gefühle miteinander zu tragen. Z.b. zusammen traurig sein usw.

Frage: Unterschiedliche Wahrnehmung von Msuik in verschiedene. sozialen Gruppen – wie kann man das in der Gemeinde unter einen Hut bringen? Ist es möglich ‚Multikulti’ in der Gemeinde zu leben? Oder muß man verschiedene Gottesdienste in der Gemeinde anbieten für verschiedene Gruppen?
Antwort: Sehr gute Frage! Wir sind ein bunter Haufen…
Man kann es nie allen recht machen. Aber für die Sonntagmorgengottesdienste sollten wir es versuchen. Gemeinsam Gott anbeten als Leib Christi. Aber jeder sollte auch sein Zuhause haben, z.B. die Jugend eben mit Band und E-Gitarre. Und die Senioren mit ihren Hymnen. Das sollte jeder haben: einen Ort, wo er sich wohlfühlt. Es muß beides geben: ein ‚Zuhause’, aber auch viel Segen, wenn sich die Gemeinde als ein Leib aufmacht, Gott zu leben. – Kompromisse eingehen, mit dem Ziel, dass wir gemeinsam Gott loben können. Es gibt aber kein Rezept dafür.

Frage: Was ist zu tun, um gute Musik zu bekommen in der Gemeinde, auch wenn die Leute nicht da sind?
Antwort: Immer Gemeindeleiter und Ältesten empfehlen, ihre Gemeindeleute auf Fortbildung zu schicken, nicht nur Kinderarbeit usw., sondern auch Musik! Z.B. auf die Worship-Akademie oder was auch immer. Unterstützung für einen Dienst in der Gemeinde. Leute ermutigen, voranzugehen und das zu lernen. – Kostet Geld, aber lohnt!

Frage: Ist es so, dass eine Gruppe in der Gemeinde einer anderen mehr entgegen kommen muß, als die andere umgekehrt?
Antwort: Diesen Bibelvers umsetzen: ‚den Nächsten lieben, wie dich selbst.’ – Alle sollten zum Zentrum hinlaufen, deshalb muß eigentlich keine Gruppe mehr entgegenkommen als die andere. Wir sind alle zum Zentrum unterwegs. Das Zentrum ist Jesus Christus.

Frage: Wer muß sich auf wen einstellen? – Wir haben ja ca. 50% Senioren in den Gemeinden. Es gibt Gemeinden, die bieten Volksmusik an – wie gehen wir damit um?
Antwort: Umfrage in der Gemeinde machen, was die Leute hören wollen. Leute fragen, was sie anders machen würden, wenn sie der „Chef“ wären, auch in Bezug auf die Musik. – Wir müssen die Leute „abholen“, die da sitzen. Es ist die Aufgabe des Musikteams, alles mit einzubinden, notfalls müssen die „alten Lieder“ der Senioren vom Musikteam gelernt werden!

Frage: Musikstil heute im Lobpreis auch eher so Softrock/ Pop. Wir haben keinen Jazz, keine Klassik, und wenn wir Choräle haben, machen wir sie „flott“. – Erlebt man auch Lobpreis-Teams, die Choräle wie Choräle spielen oder auch mal ein modernes Lied auf „alt“, oder z.B. mal Jazz spielen?
Antwort: Das Softrock-Klischee hat eine gewisse Berechtigung, weil es die übergroße Masse anspricht – da können die meisten Leute mit. Aber es muß für jeden so ein (musikalisches) Zuhause geben. Laßt die Leute die Musik machen, die sie können – Musikteams müssen sich nicht verbiegen zu etwas, was sie nicht können. Vielleicht schafft man es dann aber, die vielen musikalischen Gruppen in der Gemeinde alle einzubinden, z.B. ein Klassik-Team, ein Jazz-Team usw. Aber es ist trotzdem eine schwierige (Geschmacks-) Frage.

 
P.S. Einige Vorträge von der Konferenz 2008 kann man sich auf der Wiedenester Site herunterladen :-)

Über den Autor

David Decker

Ein Erzgebirger, Jahrgang 1977. Musikliebhaber, Radfahrer, Webseiten- und Bücherleser, Kommunalpolitiker, Gemeindemitarbeiter, Gotteskind, Blogger, WordPress-Anwender... Und: Herausgeber von ekkaleo.de [weitere Infos hier...]

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