Rhetorik und Feedback
Am vergangenen Wochenende war ich beim ersten Rhetorik-Seminar im Rahmen des Nachwuchsprogramms der Sächsischen Union. Das war insgesamt eine sehr lehrreiche und praktische Sache, wo ich sehr viel mitgenommen habe. Es wird ja noch zwei Fortsetzungen geben, wo ich schon ziemlich gespannt drauf bin. Und ich werde wohl jetzt bei manchen Rednern weniger auf den Inhalt und mehr auf „alles andere“ achten.
Schlafpredigten
Genau an dieser Stelle mußte ich unweigerlich an meine Gemeinde und an Gemeinde überhaupt denken. Na gut, vorher noch an die Schule: alle Teilnehmer samt Referent waren sich einig, dass solche rhetorischen Grundkenntnisse eigentlich an die Schule gehören. An jede! Keiner versteht, warum das nicht längst so ist. Und nicht nur Kenntnisse, sondern in erster Linie Praxis, eben Ausprobieren. – Im Stillen dachte ich dassselbe von der Gemeinde. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich sooft nur dabei bin, auf einen korrekten Inhalt zu achten. Allein die Form der Darbietung, das Wie des Rüberbringens, die Kunst des Erzählens bleibt auf der Strecke. Dabei war für uns Seminarteilnehmer zuerst eine Erkenntnis niederschmetternd, nämlich dass bis zu 90% dessen, was bei und von einer Rede aufgenommen wird, auf der nonverbalen Ebene geschieht!
Und wir meinen – natürlich fromm ummantelt – die Äußere Form sei nicht so wichtig, Hauptsache es ist alles bibeltreu und korrekt. Sicher, das sollte so sein, wirklich toll! Doch das andere ist genauso wichtig, ja geradezu absolut notwendig! Wundern wir uns eigentlich noch über den Predigtschlaf, über die vielen Jugendlichen, die nur Bahnhof verstehen im Gottesdienst? Wundern wir uns über unsere schulpflichtigen Kinder und weniger Gebildete, bei denen „Predigen“ und „Reden halten“ ein extrem negatives Image haben? Inzwischen wundert es mich nicht mehr. Dieses kleine Rhetorik-Seminar war der letzte Anstoß in einer Kette, hier endlich radikal umzudenken und mit der Praxis neu zu beginnen.
Ein erster Schritt: Sachliche Rückmeldung
Erstaunt haben mich an diesem Wochenende die Bereitschaft und der Mut aller Teilnehmer, sich verändern zu wollen – und zu lassen. Das war für mich ein neues Erlebnis. Da hat man nichts von „typisch deutsch“, Verklemmtheit oder sonstwas gespürt. Es herrschte eine herzliche Atmosphäre und eine gewisse Aufbruchstimmung. Am meisten hat mich jedoch erstaunt, mit welcher Ehrlichkeit sachliche Rückmeldungen gegeben wurden, neudeutsch: Feedback. Wie gesagt, absolut sachlich und nicht gegen die Person. Es war so simpel, dass es fast wehtat, als es mir auffiel. Und sofort mein Gedanke an meine Gemeinde und an Gemeinde überhaupt (zumindest den Teil davon, den ich bisher erleben konnte).
Warum schaffen wir es nicht, Feedback zu geben? Warum nicht einfach mal drei kurze Stichpunkte oder Sätze nach dem Motto: „An deiner Rede hat mir gefallen: …“ oder auch drei Punkte nennen (ohne große Erklärungen), was zu verbessern wäre – ganz bewußt als Hinweis bzw. Tipp? Es klingt fast zu einfach, aber ich erlebe es gar nicht oder sehr sehr selten in dem, was sich Gemeinde nennt. Wir sind oftmals eine Gemeinschaft, die unfähig ist, Feedback zu geben. Sei es vielleicht aus Mangel an Übung und Ehrlichkeit, aus Angst vor der Courage oder einfach, weil wir es noch nie probiert haben?
Weitere Wege in die Praxis
Ich habe es bei keiner meiner Predigten, Jugendstunden und Andachten erlebt, dass ich konkret gehört habe, was jemand persönlich gefallen hat – in Bezug auf ‘das Wie der Rede’, sondern ausschließlich inhaltlich. Und ich habe nie sachlich gehört, was ‘am Wie der Rede’ zu verbessern wäre. Ehrlicherweise muß ich gestehen, dass ich dies auch nie selbst bei anderen aus der Gemeinde praktiziert habe.
Das wäre mein zweiter Tipp: einfach selber anfangen, mal den Prediger oder jemand anderes, der „redet“, zu loben oder einen Praxistipp zu geben. Natürlich setzt es den ersten voraus, dass Feedback überhaupt gewollt ist und sein darf. Ein weiterer Tipp neben der ganzen Rückmelderei und Tippsgeberei ist es, selber sooft wie möglich zu reden, d.h. sich auszuprobieren und die Freude am Reden zu entdecken. Wie viele verkrampfte Reden gibt es in unseren Kirchen und Gemeinden, wenn wir mal ehrlich sind? So sehr, wie ich den Laiendienst in meiner eigenen Gemeinde gut finde, so sehr müssen wir aber auch darüber sprechen, wie wir besser werden können. Besser werden, nicht um abzuheben, sondern besser, aus Liebe zu den Geschwistern und unseren Nächsten (Mitbürger!) – genau das vermehrt die Ehre Gottes!
Es wäre traumhaft, wenn es demnächst solche Rhetorikseminare in meiner Gemeinde und in anderen Gemeinden geben würde. Ich bin der Meinung, dies kann jede Gemeinde organsieren und sei sie noch so klein. Das scheitert nicht an Finanzen, sondern maximal an der Überwindung, es einfach mal zu tun!
In diesem Sinne plädiere ich für freie Rede und freies Feedback! :-)





[...] in Tarnfarben, solch ein Meckern verletzt und zieht jede Atmosphäre runter. Richtiges Feedback will gelernt sein. Ebenso das akzeptieren von Geschmäckern. Besser: unserer Mitmenschen, [...]