Und jetzt haben wir eine Zeit des Nonsens
Nick Page & Andreas Malessa: “Lobpreis wie Popcorn? Warum so viele Anbetungslieder so wenig Sinn ergeben.” (2008, R.Brockhaus)
Als ich den Buchtitel zum ersten Mal las und das Coverbild sah, war ich erfreut und verwundert zugleich. Erfreut deshalb, weil hier offenbar einmal jemand den Mut dazu hatte, ein Buch herauszubringen und dann noch in Deutschland… Verwundert deshalb, weil mir dieser deutsche Titel rein gar nicht zusagte. Zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, daß das Buch eine Übersetzung ist, was das ganze aber weit mehr verwunderlicher macht!
Das englische Original erschien 2004 von Nick Page und nennt sich auf deutsch: “Und jetzt haben wir eine Zeit des Nonsens”. Womit die Ankündigung in englischsprachigen Gemeinden nachempfunden ist, wenn der Anbetungsleiter sagt: “Und nun wollen wir eine Zeit der Anbetung haben …” Der Untertitel des Originals lautet auch etwas anders als der Deutsche: “Warum Lobpreis in der Kirche versagt.” Nun gut, eine kleine Nuance anders. Aber warum ausgerechnet “Popcorn” bei unserer Version? Der Buchdeckel gibt die Antwort: “Mit Lobpreisliedern ist es manchmal wie mit Popcorn: Man freut sich drauf und erwartet viel, aber nicht immer wird der spirituelle Hunger wirklich gestillt.” — ‘Treffer versenkt!’ könnten böse Zungen darauf sagen …
Die 100 Seiten sind schnell weggelesen, da das Buch flüssig geschrieben und gut eingeteilt ist. Zwischen den Kapiteln stehen fiktive Briefe von Kornelius Kleinteil, einem leidenschaftlichen Anbetungsleiter und Liederdichter. Bei dessen Erlebnissen kann es schon mal passieren, daß man lauthals loslachen will, das Lachen jedoch im Halse steckenbleibt, oder man anfangen möchte zu weinen… Insofern hat das Andreas Malessa als Übersetzer und “Bucherweiterer” (Berücksichtigung der deutschen Situation!) wieder einmal gut hinbekommen.
Der Band setzt in der Kirchengeschichte ein, wo schon immer über Lieder, Liedtexte und Musik leidenschaftlich diskutiert, bisweilen auf Messers Schneide gestritten wurde. So liest man alle mehr oder weniger bekannten Stichworte wie Methodismus, Wesley-Brüder, Luther, Reformation, Heilsarmee, Schlager, Gospel usw. Aber keine Angst, es ist keines dieser “christlichen-Musik-Bücher-mit-Zeigefinger-Warnfunktion”. Für viele Leser ist der Informationszuschuß sicher gut, um ins Thema besser reinzukommen; viele Musiker und Gemeindemitarbeiter werden sich aber vermutlich daran eher langweilen.
Zum eigentlichen Thema, nämlich Texte von Lobpreisliedern, liest man in der Tat relativ wenig. Zum einen liegt es daran, daß die Verlage keine Abdruckrechte der Lieder freigaben (bitte mal auf der Zunge zergehen lassen!!!), zum anderen, weil das Bändchen einfach viel zu kurz ist. Alles in allem liest sich das wie ein verlängertes Vorwort, wenn man hofft, nun geht es konkret zur Sache, ist das Buch zu Ende. Es wird einfach zuviel laviert, um niemand auf den Schlips zu treten. Dabei hätten einige Beispiele und Textvergleiche sicher Wunder gewirkt!
Die deutsche Übersetzung ist Stärke und Schwäche des Buches zugleich: Malessa gelingt es mit einer kernigen, pointierten Sprache die Aufmerksamkeit zu erringen, teils sogar mit derben Einlassungen (noch auf der letzten Seite wird der letzte deutsche Kaiser als “Vollidiot” tituliert…). Andererseits merkt man einige Inkonsequenzen: natürlich bleiben viele Sprachspielereien des englischen Originals auf der Strecke. Andererseits hat Malessa manchmal recht frei in den Zusammenhang hinein versucht, die spezielle deutsche Situation und Befindlichkeit reinzupacken.
Das Buch richtet sich neben den Konsumenten moderner (und traditioneller!) geistlicher Musik vor allem an Liederschreiber, Musiker sowie generell alle MitarbeiterInnen in Kirche und Gemeinde. Gerade letztere sollten zu diesem Thema bescheid wissen, da Musik und Liedtexte seit jeher wohl die wichtigsten Stilfragen in der gemeindlichen Gemeinschaft sind. So manche christlichen Kreise sind an diesen - nicht heilsentscheidenden Themen (!) - zerbrochen, weil sie diesen Generationenkonflikt nicht aushielten.
Es ist schön, daß Andreas Malessa - selbst Liederdichter - mal die Karten auf den Tisch gelegt hat. Nun kann auch hierzulande eine Diskussion über Niveau und Qualität, auch und gerade beim Thema Lobreis und Gemeindegesang, beginnen. Diese müssen wir übrigens in jeder Generation neu führen, denn Stile und Ausdrucksformen sind einem ständigen Wandel unterworfen. Daher muß die Sinnfrage immer neu geklärt werden: Was drücke ich wie in der Anbetung aus? Und welche Themen darf die musikalische Anbetung überhaupt enthalten: ist mehr als König, Thron, Vater, Gnade und Engel erlaubt? Was ist mit den harten Alltagsthemen wie Zweifel, Frust, Lauheit, Sattheit usw.? — Vielleicht ist das Thema des Buches gerade deshalb so aktuell, weil wir nun auch in Deutschland, rund 15 Jahre nach dem Beginn des Worship-Booms, merken, daß nur Tiefgang durchträgt. Auch in der Musik!
Was letztlich an dem Buch besonders gut ist: es spielt NICHT neue gegen herkömmliche Musik aus, sondern hat das Anliegen Qualität zu fördern, insbesondere in sprachlicher, dichterischer sowie inhaltlicher Perspektive. In dieser Hinsicht bin ich voll auf Seiten der Autoren und kann das Buch wärmstens empfehlen. — Wer des Englischen mächtig ist, sollte sich aber vielleicht lieber das Original von Nick Page besorgen … :-)
ISBN: 978-3-41726233-9
Preis: EURO 9.95
Daten: 100 Seiten / kartoniert / Sprache: deutsch
Verlag(e): 2008 R. Brockhaus Verlag im SCM Verlag, Witten
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