Wir sind die Meckerer
Manfred Siebald – Wir sind die Meckerer
Wir sind zu Gast in einem fernen, fremden Land,
und braune Händen backten uns ein Brot.
Ganz fade sieht es aus; am Rand klebt etwas Sand.
Wir überwinden uns mit Müh und Not,
und weil es gar nicht so schmeckt wie zu Haus,
platzt einer aus der Runde gleich heraus:
„Wer schickt denn hier mal einen richtgen Bäcker her?“Wir sind die Meckerer.
Wir sind die Notengeber,
die Millimetermesser und die Zeigefingerheber.
Wir fallen gierig über Menschen und Geschmäcker her.
Wir sind die Meckerer.Das Spiel wogt hin und her, der Ball will nicht ins Tor,
die Spieler rennen, schwitzen, mühn sich ab.
Hier auf Tribüne Süd, da schwitzt der große Chor
und bringt die lahme Truppe erst auf Trab.
Das Bier wogt uns im Bauch und schärft den Blick:
“Wie die da schleichen, ist ein starkes Stück.
Hier muß doch endlich jetzt mal ein Vollstrecker her!“Wir sind die Meckerer.
Wir sind die Oberlehrer,
wir sind die Zwischenrufer, und wir sind die Briefbeschwerer.
Wir fallen lustvoll über Menschen und Geschmäcker her.
Wir sind die Meckerer.Der kleine Tim hat uns sein schönstes Bild gemalt:
ein roter Kopf mit blauen Füßen dran.
Jetzt hält er es uns hin; das ganze Kerlchen strahlt.
Wir schauen uns das Machwerk kritisch an.
„Das hast ja vielleicht ganz gut gemeint,
doch fehlt die Proportion noch, wie mir scheint.
Bis jetzt bist du halt nur ein kleiner Kleckerer.“Wir sind die Meckerer.
Wir sind die Schnellvergleicher,
wir sind die Splittersucher, und wir sind die Rotanstreicher.
Wir fallen eifrig über Menschen und Geschmäcker her.
Wir sind die Meckerer.Die Orgel ist verstummt. Der junge Pfarrer spricht
und sagt uns, was sich bei uns ändern soll.
Doch wie der Mann das sagt, das schmeckt uns einfach nicht,
und mancher wiegt den Kopf bedeutungsvoll:
“Die Predigt unsres alten Pfarrers war
zwar meistens auch nicht grade wunderbar,
doch war sie irgendwie doch etwas leckerer.“Wir sind die Meckerer.
Wir sind die Stirnefalter,
wir sind die Krümelfinder, und wir sind die Rechtbehalter.
Wir fallen ständig über Menschen und Geschmäcker her.
Wir sind die Meckerer.Text & Musik: Manfred Siebald
© 2004 Edition Kreuzschnabel
Selten gab es ein Lied, was so direkt von mir erzählt, wie dieses. Schon komisch, wenn man sich ertappt fühlt. Trotzdem mag ich dieses Lied unheimlich gern! Es hat den Rhythmus, wo man mit muß. Und dann ist da diese Sprache: so lebendig, so liebenswürdig, so offenbarend. Hier war ein Meister der Sprache und der Beobachtung am Werk, das merkt man. Und bitte jetzt kein „typisch deutsch“ – das macht doch alles kaputt, und würde das Problem doch wieder nur in Phrasen ersticken!
Worum es dem Lied geht: Einsicht und Annahme. Erkennen, dass ich so bin, dass wir so sind. Nicht beklagen, sondern annehmen. Und von dieser Position der Ehrlichkeit aufstehen und aufmerken. Es geht nicht um dieses „ganz normale“ Meckern, um dieses durchaus nachvollziehbare Seufzen und Stöhnen im Alltag (wenn es denn nicht zuviel wird…). Es geht um die anerzogene und angelernte Mecker-Mentalität, die mit wachem Geist auf der Suche nach Opfern ist. Es geht um die Menschenfrage und die Geschmacksfrage. Das sind keine Fragen, sondern Fakten, die es zu akzeptieren gilt. Der Andere ist anders, hat einen anderen Geschmack, einen anderen Blickwinkel auf das Leben.
In Afrika schmeckt Brot eben anders, schon weil es anders gebacken wird. Anders heißt aber nicht schlecht, sondern genauso gut! Und beim Fußball täte es manchem Fanchor mal gut, unten auf dem Platz zu übernehmen. Mit den Toren kann es dann ja nur besser werden. Man stelle sich vor: die 82 Millionen Bundestrainer bilden eine Starmannschaft und stürmen die Stadien der Welt. Auweia! Und was ist mit den Kinderbildern? Heuchle ich kindliche Begeisterung vor, weil ich zu feige bin, meine Abneigung auszudrücken? Das wäre böse, sicher. Doch Kinder haben ein Recht auf ehrliche und respektvolle Behandlung. Tja, und dann die Pfarrer und Orgelspieler: müssen für jede dumme Kritik herhalten. Undank ist des Geistlichen Lohn. Schlimm wird es, wenn hier das Mobbing beginnt …
Und damit wären wir schon wieder beim Thema Kirche und Gemeinde. Ging ja schnell. Kennen wir da nicht wen oder was? Notengeber, Millimetermesser, Zeigefingerheber, Oberlehrer, Zwischenrufer, Briefbeschwerer, Schnellvergleicher, Splittersucher, Rotanstreicher, Stirnefalter, Krümelfinder, Rechtbehalter. Na gut, der Erbsenzähler fehlt noch. – Schon erstaunlich welche Bandbreite es bei Kirchens gibt. Und da denken wir manchmal, wir wären ein grauer Haufen. Doch in meiner Gemeinde gibt es sie alle, die genannten Ausprägungen des Meckerers. Nur werden die nie gemobbt.
Wie kommen wir nun aus dem Schlamassel wieder raus? Wollen wir nicht gut sein, fromm und alles in so schöner Harmonie haben? Wir haben doch solche Probleme nicht, oder? Doch, wir haben! Wir sind oft so tief drin, dass wir gar nicht mehr merken, was bei uns so alles abgeht. Im Zwischenmenschlichen, wie wir miteinander umgehen. Da werden Stil- und Farbfragen zum Mittelpunkt der Gemeinde. So peinlich, dass es wehtut. Oder da der junge Bruder, der seine erste Predigt gehalten hat, mit Herzblut und Leidenschaft und sehr langer Vorbereitung. Das einzige, was man ihm nach dem Gottesdienst sagt: ‚Du könntest beim nächsten Mal bitte lauter sprechen und du hast etwas genuschelt…’
Dieses subtile Meckern, daherkommend in Tarnfarben, solch ein Meckern verletzt und zieht jede Atmosphäre runter. Richtiges Feedback will gelernt sein. Ebenso das akzeptieren von Geschmäckern. Besser: unserer Mitmenschen, unseres Nächsten, um in biblischer Sprache zu bleiben. Einfach mal die Spannung aushalten, den subtilen Kommentar runterschlucken, die Geste im Ansatz verwerfen. Vielleicht kann es so gelingen, dass wir die Schwelle vom Meckerer zum Nicht-Meckerer überschreiten und folgerichtig zu Aufbauern und Mutmachern werden. Natürlich würde ich mir auch dazu gern geniale Siebaldsche Lyrik anhören ;-)






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