Das Heilige im Alltag

Das eigene Leben bloßstellen

Vermutlich ohne es zu ahnen, hat Sara Groves eine Hymne für die „Emerging Church“ geschrieben. Zumindest ich sehe es so. Je länger, je mehr, wächst mir dieses Lied ans Herz und begleitet meine Glaubensreise seit rund zwei Jahren. Grund genug etwas unter der Oberfläche zu kratzen. Zunächst der Liedtext zum Nachlesen:

Sara Groves - Add To The Beauty (2005)Sara Groves: Just Showed Up For My Own Life – Eben bin ich in meinem eigenen Leben angelangt

(Eins, zwei – Wow! …)

Verbrachte meine Zeit mit Schlafwandeln.
Bewegte meinen Mund, doch sagte nichts.
Hoffte, die Veränderungen würden funktionieren, wenn sie von außen nach innen durchdringen.
Ich war verliebt in Ideen.
War damit beschäftigt, wie ein Leben erscheinen sollte.
Verbrachte meine Zeit auf der Oberfläche damit, die Löcher im polierten Furnier zu reparieren.[1]

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu verstecken.
Es gibt so viele Arten, nicht zu fühlen.
Es gbt so viele Wege, zu leugnen, was wirklich los ist.

Und eben bin ich in meinem eigenen Leben angelangt.
Und ich stehe hier, begreife es und es sieht sicher glänzend aus.

Und ich werde mein Leben anregend/ inspiriert leben.
Schaue aus nach dem Heiligen im Alltag.
Öffne die Fenster und ich fühle alles, was wahrhaftig und echt ist, bis ich komplett begeistert davon bin.
Ich werde alle meine Emotionen spüren.
Ich werde dir in die Augen schauen.
Ich werde zuhören und hören, bis es endlich klar ist und es unser Leben verändert.

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu verstecken.
Es gibt so viele Arten, nicht zu fühlen.
Es gbt so viele Wege, zu leugnen, was wirklich los ist.

Und eben bin ich in meinem eigenen Leben angelangt.
Und ich stehe hier, begreife es und es sieht sicher glänzend aus.

Oh, die Herrlichkeit Gottes erwacht in einem Leben der Fülle.[2]
Oh, die Herrlichkeit Gottes erwacht in einem Leben der Fülle.

Und eben bin ich in meinem eigenen Leben angelangt.
Und ich stehe hier, begreife es und es sieht sicher glänzend aus.
Und eben bin ich in meinem eigenen Leben angelangt.
Und ich stehe hier, begreife es und es sieht sicher glänzend aus.

Oh, die Herrlichkeit Gottes erwacht in einem Leben der Fülle.
Oh, die Herrlichkeit Gottes erwacht in einem Leben der Fülle.
Ich werde lebendig.
Ich werde lebendig.
Ich werde lebendig.
Und eben bin ich in meinem eigenen Leben angelangt.
Oh, schau, was ich vermißt habe.
Oh, sieh, was ich vermißt habe.
Ich stehe hier, begreife es und es sieht sicher glänzend aus.
Und ich habe gerade alles aufgedeckt.
Und ich habe gerade alles offengelegt.
Oh, schau, was ich vermißt habe.

Original: Text: Sara Groves / Musik: Joel Hanson
© 2005 Sara Groves Music (ASCAP) (admin. by Music Services) / Where’s Rocky Music Publishing (BMI)
Deutsche Übersetzung: David Decker, 2007-2008 / © SMT shineMusic Translation
Offizielle Seite / englischer Liedtext / Lied hören + sehen

 
Es ist schon komisch, ich habe immer mehr den Eindruck, Sara Groves hat hier meine geistliche Lebensgeschichte aufgeschrieben?! Ich war auch ein Schlafwandler, ein Laberer vor dem Herrn. Hatte wenig bis gar nichts kapiert. Nur den Mund bewegt, viele Worte gemacht, doch nichts gesagt. Meine ganze Hoffnung in Bezug auf mein persönliches Wachstum und das meiner Gemeinde waren „Veränderungen“ von außen. Man könnte auch sagen, plumpes Kopieren. Der Affe von anderen. Ich war verliebt in eine Idee, nicht in das Leben selbst und auch nicht in den Herrn. Es war mehr eine Ideologie des Lebens und von Gemeinde.

Ja, ich war beschäftigt damit, mich zu verstecken. Schön die Oberfläche polieren, das bisweilen ramponierte Furnier wieder reparieren. Die kaputte Spanplatte darunter interessierte nicht. Das betriebsame Umsorgen eines Images, was nur von anderen Menschen – in diesem Falle: den anderen Gemeindemitgliedern – abhängig war, führte zu einer Art Wettbewerb. Dabei haben Gefühle kaum eine Rolle gespielt. Gefühle, so sagte man, stehen im Glauben an hinterster Stelle. Wohlgemerkt, sie kommen vor, sollten aber nie Priorität erlangen. Ich leugnete, was wirklich los war. Vielleichte wußte ich es auch schon gar nicht mehr.

Der große Knall kam immer dann, wenn wieder ein Teil meines Lebens bloßgestellt wurde – sei es ungewollt durch mich selbst oder bewußt durch Situationen in Beziehung zu Mitmenschen. Mein Versteck wurde entdeckt und gelüftet. Heimliche Gefühle wurden offenbar. Puuh, das konnte ganz schön an die Substanz gehen. Aber ich konnte mich ja unter meine glänzend polierte Oberfläche zurückziehen. Probleme gab es nicht. Alles bestens, alles fromm. Heilige Pflichterfüllung. Was auch sonst!?

Die Kehrtwende in der Hookline des Liedes wird durch das Bloßstellen ausgedrückt. Soeben alles aufgedeckt: alles nachvollziehbar, transparent. Einfach mal die Gardinen aufgezogen, das Fenster weit aufgemacht und die vorüberziehende Welt kann ins Wohnzimmer lugen. So in etwa kommt mir das vor. – Meine Kehrtwende wurde 2005 vorbereitet und kommt seit 2006 richtig zum Zug: Ein lieber Bruder stellte sich vor unsere Gemeinde und sagte, Bibelarbeiten machen wir sonst genug, jetzt sollte es um unser Herz, unser Denken, unsere Motive gehen. Ich war skeptisch. Doch die Botschaft traf mich mitten ins Herz, ging in mein Denken und hinterfragt seitdem mehr und mehr meine Motive. Ich habe begonnen, loszulassen – bin nun bereit die Gardinen aufzuziehen. Anders ausgedrückt: es geht darum, neu zu denken. Es geht um wirkliches Leben, echt und natürlich, mit Gefühlen und ohne Verstecke.

Da stand ich erstmal ziemlich verdattert da mit diesem Gedanken und es brauchte Monate, bis es nach und nach Klick machte und das Aha-Erlebnis einsetzte. Bis ich irgendwann zur Erkenntnis kam, genau wie Sara im Lied: „es sieht sicher glänzend aus“. Was glänzt denn da? – Das Echtsein und die Natürlichkeit glänzen in dem Sinne, dass sie einen Lichtschein der Ehrlichkeit und damit der Liebe abstrahlen, der auch anderen nicht unbemerkt bleibt. Es ist ein schwaches Glänzen, sanft und vielleicht nicht sofort im Blickwinkel. Aber es ist ein Gefühl, wo einem sehr wohl dabei ist!

Und irgendwie wurde auch ein Großteil meiner Gemeinde davon erfaßt. Plötzlich ist etwas in Bewegung – jetzt von innen nach außen. Bei den Gläubigen selbst und bei der Gemeinschaft als Ganzes. Es geht nicht mehr um Kopieren, es geht um eigene Entwicklung – der Persönlichkeit, ebenso wie der Beziehungen untereinander. Welch gesegneter Paradigmenwechsel.

Nun sind wir auch mittendrin in der emergenten Bewegung und beim Heiligen im Alltag. Hat etwas länger gedauert, doch jetzt kracht es um so mehr. Es wird sichtbar, was entsteht, wenn Menschen echt werden, wenn eine Gemeinschaft beginnt, ehrlich zu werden. Schon da liegt etwas Heiliges in der Luft. Ganz anders als diese klischeehafte Vorstellung von Heiligkeit, die wir so oft mit uns herumschleppen, die jedoch total in der Verneinung beheimatet ist. – Die entstehende Heiligkeit, die ich meine, hat eine Energie der Freude und ist verbunden mit dem Evangelium. Solche Art von heilig sein meint auch die Bibel, wenn sie davon spricht. In Gottes Wort begegnen wir nämlich einer ganzheitlichen Sicht, keiner Sonntagsheiligkeit, irgendwann zwischen 9 und 12 Uhr. Die Bibel hat immer den Anspruch ans ganze Leben, an den Lebensalltag und sie will, dass das Evangelium Gestalt gewinnt.

Sara Groves wünscht sich nun inspiriert und anregend zu leben – ich möchte es ihr gleich tun. Denn dieser Wunsch ist zweifach: es geht um mein eigenes Leben – aber auch um das meiner Mitmenschen. Wir treten in eine Wechselbeziehung. Mein Alltag ist nicht mehr egal, sondern „das Kriterium der Praxis“ wird nunmehr entscheidend. Ich halte Ausschau nach dem Heiligen im Alltag, indem ich mein Handeln und mein Reden in Einklang bringe. Das Evangelium gewinnt Gestalt. Jesus wurde Mensch durch seine Hingabe in und auf diese Welt (Inkarnation). Wenn wir es ihm nicht gleich tun, können wir keine echten Nachfolger sein.

Fenster aufBeim Aufmachen der Wohnzimmerfenster zieht eine frische Brise ein, die bis zur totalen Begeisterung führt. Die Skepsis weicht und man wird Gott dankbar für Seine Gnade und Güte in einem Leben, welches Natürlichkeit atmet. Ich habe angefangen dies in den ersten Zügen zu erleben und ich kann es bestätigen: Es ist absolut begeisternd. Es ist Amazing Grace! Ich spüre wieder Emotionen, ohne mich als eher sachlichen Typ verstellen zu müssen. Ich gestehe meine Schwächen und Begrenzungen offen ein, ich kann dem Nächsten in die Augen schauen und ich fühle mich gut dabei.

Und was ist das: Zuhören und einfach hinhören. Das möchte ich gerne noch mehr! Den anderen anhören und verstehen lernen. Das wird mich und den anderen gleichermaßen verändern. Mir fallen plötzlich Dinge wie Schuppen von den Augen, auf die ich vorher nicht im Entferntesten gekommen wäre. Einfach nur, weil mein Fokus jetzt ganz anders ausgerichtet ist. Kein Image mehr pflegen, kein frommer Wettbewerb mehr. Es geht um die Welt und nicht um eine fromme Scheinwelt. Echte Freiheit.

Das Genialste an diesem Prozeß ist wohl, dass Gott dabei Ehre wird. Jawohl, Gott wird im Ruhm erhoben und groß gemacht, wenn ein Mensch plötzlich seine Bestimmung erkennt und beginnt in Wahrheit zu leben. Er folgt damit den Fußstapfen von Jesus und bringt das Leben zur vollen Ausprägung. Gott hat den Menschen in Seinem Bilde erschaffen und ihm quasi alle „Anlagen“ mitgegeben für dieses Leben in der Fülle Gottes. Wenn wir diese Anlagen gebrauchen und die Welt so lieben, wie es Jesus tat und tut, dann entsteht Herrlichkeit. Dann blitzt das Reich Gottes in dieser Welt auf und Seine Gemeinde, Sein Reich wird gebaut. Dies ist der Auftrag des Evangeliums. – Emerging Church.

Wer da einsteigt, kann genau wie ich merken, was er/sie bis dahin vermißt hat! Es geht darum, lebendig zu werden. Lebendig in der Welt und vor dem Herrn.

Oh, die Herrlichkeit Gottes erwacht in einem Leben der Fülle.
Ich werde lebendig.
Und eben bin ich in meinem eigenen Leben angelangt.
Oh, schau, was ich bisher vermißt habe.
Ich stehe hier, begreife es und es sieht sicher glänzend aus.
Und ich habe gerade alles aufgedeckt.
Und ich habe gerade alles offengelegt.

 
* Update *
Meine Kollegin und mein Bruder haben mir dankenswerter Weise gute Übersetzungstipps gegeben, die mir vorher nicht so präsent waren. Es geht nämlich um den Songtitel von Sara Groves: “to show up for my own life” ist gar nicht so einfach als Phrase zu übersetzen, selbst für Amerikaner nicht. Es schwingen mehrere Bedeutungen mit, ich habe mich unglücklicherweise für die wohl radikalste entschieden. Nichtsdestrotrotz ändert es nichts am grundlegenden Verständnis und Sinn des Textes - da bin ich erstmal froh :-) Doch meine Leser haben ein Recht auf korrekte Infos, daher jetzt die verschiedenen Möglichkeiten:

Bedeutet es nicht eher: “Ich tauche in meinem eigenen Leben auf”, “jetzt wende ich mich meinem ureigenen (und nicht mehr fremd-diktierten) Leben zu”, “eben bin ich in meinem eigenen Leben präsent geworden” … Weniger die Bedeutung von “entlarven”, “blossstellen”.

Es gibt einen Blogbeitrag zu “show up for my own life”, wo auch darauf Wert gelegt wird, dass man Verantwortung für sein eigenes Leben übernimmt und authentisch wird.

Übrigens: Das Zitat “The glory of God is man fully alive” (so auch original im englischen Songtext!) stammt vom Heiligen Irenäus. Es ist das Leitmotiv der John-Eldredge-Bücher (”Der ungezähmte Christ”, “Waking the Dead: The Glory of a Heart Fully Alive”), die Sara Groves zu diesem Lied inspiriert haben.

Ich sage Danke!


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  Fussnoten:
  1. Zwei Bedeutungen von Furnier hier möglich: a) hauchdünne weiße Keramikschicht bei der Zahnreparatur oder b) ein klassisches Holzfurnier, als Blende []
  2. Zitat vom Heiligen Irenäus, “The glory of God is man fully alive” []

 

Über den Autor

David Decker

Ein Erzgebirger, Jahrgang 1977. Musikliebhaber, Radfahrer, Webseiten- und Bücherleser, Kommunalpolitiker, Gemeindemitarbeiter, Gotteskind, Blogger, WordPress-Anwender... Und: Herausgeber von ekkaleo.de [weitere Infos hier...]

6 Reaktionen zu “ Das Heilige im Alltag ”

  1. Guter Artikel, sehr persönlich. Eine kleine Anmerkung zur Übersetzung: “to show up FOR sth.” würde ich eher übersetzen mit: wo aufgetaucht sein; vorbeigekommen sein (sieh auch LEO): Ich bin gerade (endlich) bei meinem eigenen Leben aufgetaucht!

    Bloßstellen hieße “to show someone up” - das alte Lied mit den phrasal verbs im Englischen… Sorry, da kommt der Oberlehrer in mir durch.

    Bitte entschuldige, ich wollte dich nicht bloßstellen. Ich glaube, dass durch deine Übersetzung kaum etwas vom Sinn verloren geht!!
    Liebe Grüße, Philipp

    (Kannst den Kommentar auch wieder löschen :-))

  2. Danke Phil! Kommentar bleibt natürlich :-) Das mit der Übersetzung geht schon in Ordnung, ich habe noch eine weitere Ergänzung/ Präzisierung bekommen von einem Leser und werde das entsprechend im Beitrag ändern bzw. ergänzen. Dazu wird noch das Plugin “footnotes” kommen, um das ganze nicht im Chaos enden zu lassen.

  3. [...] allem” bzw. “aus allem”. Dabei wird deutlich, dass diese ganzheitliche Liebe im Alltag geerdet sein [...]

  4. @Phil: so, nun ist der Artikel aktualisiert - entsprechende Fussnoten, sowie ein “Update”. Danke & Gruß!

  5. [...] Feature-Artikel “Das Heilige im Alltag” hab ich ein wichtiges Update angehängt (Songtext-Übersetzung) und einige Fussnoten sowie [...]

  6. [...] wirken. Natürlich gehört auch dazu, dass man sich versucht zu öffnen, andere am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Auch während des Projektes ‘Liebe in Aktion’ ist angeregt die [...]

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