Echtzeit – Das klingt vernünftig
„Mein Herz verliert Stück für Stück an Halt,
meine Welt gerät ins Wanken,
an der Hoffnung festgekrallt…Wie soll ich Leben ohne dich?
Wie ein vergessenes Gedicht, wie ein Leuchtturm ohne Licht,
genau so fühl ich mich.“
~Echtzeit, aus „Mein Herz verliert“
Schon im Titel ihres neuen Albums kommt mit einem Augenzwinkern eine sympthatische Eigenschaft der Echtzeit-Jungs rüber: sich selber nicht ganz so wichtig nehmen. Denn mal ehrlich, wer würde eine Rockalbum mit „Das klingt vernünftig“ benennen? – Hier herrschen doch die Emotionen, es rockt gewaltig und es geht eben mal eine Stunde nicht um die „Vernunft“. So könnte man meinen.
In der Tat stimmt dieses spontane Fazit dann auch, zumindest mit kleinen Einschränkungen. Zunächst: diese Platte rockt! Richtig vernünftig sogar; die Arrangements sind folgerichtig nach vorn gebürstet. Der neue Produzent Manuel Steinhoff (on a mission) hat dem Quartett geholfen einige neue Akzente zu setzen. Der geniale Vorgänger von 2006, „Alles von vorne“, wird nicht kopiert, sondern es wurde versucht, sich weiterzuentwickeln. Der Sound ist energisch, die Gitarren dürfen bisweilen ordentlich losmarschieren. Dabei bestechen die Lieder durch schöne Tempowechsel und auch immer wieder grunchige Passagen.
Bei alledem harmoniert die Stimme von Dominik Wagner mit diesen Songs wunderbar. Er hat genau das passende Organ, um hier zu rocken, aber auch die sensiblen Momente glaubwürdig festzuhalten. Mir gefällt besonders, dass sich die deutschen Texte im Sound „nicht bemerkbar“ machen, d.h. es fließt alles, hier hakelt nichts. Es wird deutsch gesungen weil es so sein muß, nicht aus irgendwelchen pragmatischen Gründen. Ähnlich wie vor einiger Zeit bei der EP von Blaues Wunder oder der neuesten Sharona-Kreation: so macht Musizieren in der Muttersprache wirklich Freude!
„Es ist mehr als ein Traum,
mehr als ich weiß. So viel mehr als ein Traum,
das Ende vom Kreis.Von einer anderen Welt, einem ewigen Tag.
Das ist alles, was zählt
und was die Hoffnung vermag.“
~Echtzeit, aus „Ewiger Tag“
Für den Zuhörer als vernunftbegabtes Wesen haben neben den Rockemotionen auch die Texte was zu sagen. Echtzeit haben eine ganz originelle Sprache gefunden, ihren Glauben an Gott auszudrücken. Sie tun das mit einer Alltagssprache und Alltagsgeschichten. Es mag für manche befremdlich klingen, dennoch ist es ihre Botschaft. Hand aufs Herz, an manchen Stellen hätte ich mir mehr Deutlichkeit erhofft. Doch andersherum bleibt man so herausgefordert doch mal genauer hinzuhören und vor allem zwischen den Zeilen zu lesen. So bekommt letztlich der Geist Nahrung - genau, was man von ansprechender Musik erwartet.
Mittlerweile kann man sagen, dass Echtzeit ihren Platz in der deutschen Szene gefunden haben. Mit ihrer zweiten Langspielplatte unterstreichen sie diese Entwicklung besonders. Und bis es mal etwas Neues von ihnen gibt, kann ich bei „Das klingt vernünftig“ immer wieder neue Facetten entdecken. Es ist nämlich eine dieser Scheiben, die man nicht sofort erschlossen hat. — Aber das ist ein gutes Zeichen! :-)
Daten: 13 Titel / 50 Min.
Musikstil: Rock
Label(s): 2008 Echtzeit, Hemmelzen / online
Im Web: offizielle Site / bei MySpace






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