ERZ – Einige Region mit Zukunft

Großer Bergmännischer Zapfenstreich, Annaberg-Buchholz, 2. August 2008

Großer Bergmännicher Zapfenstreich, Annaberg-Buchholz, 2.8.2008. Ein Erlebnisbericht.

Kann man eigentlich einen Landkreis begrüßen? …so ein verwaltungsmäßiges, politisches Gebilde, geht das? Ich sage ja! Sachsen machte 2008 eine erneute Funktional- und Verwaltungsreform, unter anderem mit dem Ergebnis seine Landkreise von 22 auf 10 zu reduzieren. Das bescherte dem tradiditonsreichen Freistaat somit auch den Erzgebirgskreis, mit knapp 400.000 Einwohnern der Bevölkerungsreichste, nicht nur in Sachsen, sondern in ganz „Ostdeutschland“! Eine starke Leistung, sage ich da als Lokalpatriot. Bekannte aus anderen Bundesländern sagten mir schon mit neidischem Unterton, wir hätten nun mit „ERZ“ das schönste Autokennzeichen Deutschlands. Sowas geht dem Sachse, zumal Erzgebirger, runter wie Öl! Und Recht haben meine Bekannten da sowieso :-)

Ok, und dieses „Ding“ wurde nun begrüßt? Wie geht sowas? – Mit einem Großen Bergmännischen Zapfenstreich natürlich! Dieser fand am Abend des 2. August 2008 in der Großen Kreisstadt Annaberg-Buchholz – Kreissitz und schon immer „heimliche Hauptstadt“ des Erzgebirges – statt. Der Marktplatz und die Seitenstraßen waren (bis auf die für die Bergleute gesperrten Passagen) mit Menschenmassen übersäht. Neben den Einheimischen waren noch zahlreiche Gäste vom 4. Europäischen Töpferfest in der Stadt. Sie konnten nun ein einmaliges Spektakel miterleben.

Zahlreiche Bergbrüderschaften aus allen vier ehemaligen Landkreisen bildeten eine große Bergparade und der festliche Aufzug legte los von der St. Annenkirche, um den Markt herum bis vor das Rathaus. Dort wurde der Zapfenstreich mit (berg-) musikalischen Darbietungen inszeniert. Daran schlossen sich vom Rathausbalkon aus Ansprachen der Oberbügermeisterin Barbara Klepsch, des neuen Landrates Frank Vogel sowie des Sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich an. Alle drei betonten die Einmaligkeit dieses Begrüßungs-Geschehens sowie das Besondere des Erzgebirgskreises mit seiner reichen Tradition und der besonderen Mentalitiät dieser Region. Danach zogen die Bergkameraden wieder ab gen Annenkirche und beendeten dort unter frenetischem Applaus die Zeremonie.


[Videolink]

Für mich – mitten drin im Getümmel – war das ein sehr schönes und bewegendes Erlebnis. Ich habe selber das Zusammengehen der vier Altlandkreise hautnah miterlebt von verschiedenen Ebenen im Hintergrund und konnte nun das Ergebnis von vier Jahren Arbeit öffentlich mit feiern. Eine sehr gelöste und eigentümliche Atmosphäre. Wie ein Film im Schnelldurchlauf liefen 18 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit an meinem inneren Auge vorüber.

Als mitten im Zapfenstreich das Lied der Deutschen erklang, vergaß ich für einige Momente alles um mich herum. Es war sehr bewegend. In diesem Augenblick ahnte ich was für eine Gnade das für meine Heimat und für unser ganzes Land war und ist, wieder ein vereintes Volk zu sein. Unbeschreiblich schön. Nach alledem was war. Und gerade die Erzgebirgsregion litt ganz besonders unter den beiden Weltkriegen, unter Besetzung, Vertreibung, Diktatur und Teilung – nicht nur Deutschlands, sondern Europas. Bis heute sind dem aufmerksamen Beobachter die unverheilten Narben aus Jahrzehnten sichtbar vor Augen. Es ist schmerzhaft zu sehen, wie große Teile des einstigen böhmischen Erzgebirges bis heute quasi ausgelöscht sind.

Und trotz einer oft unglückseligen Geschichte diese seit 18 Jahren blühenden Landschaften! Diese Schaffenskraft und diese Hoffnung der Menschen, trotz aller bestehenden Probleme! Und diese immer lauter werdende Sehnsucht nach Einheit, nach etwas Verbindendem! – Helmut Kohl und Kurt Biedenkopf haben vor vielen Jahren durch ihre vorausschauende kluge Politik den Humus gelegt, dass sich meine Heimatregion neu entwickeln und herausbilden konnte. Das ist ein besonderes Geschenk. Einige der Früchte durften wir in diesem Jahr mit der Gründung des Erzgebirgskreises ernten, die in großer Einigkeit vonstatten ging. Gegenüber allen anderen neuen Landkreisen in Sachsen haben wir die gewachsenene gemeinsame Identität, das Brauchtum und die reiche Geschichte (Erz aus dem Erzgebirge als Grundlage für Sachsens Glanz und Gloria!) als besondere Standortvorteile – neben dem Ideenreichtum der Erzgebirger, vielfältiger Kultur und der gottgegebenen wunderschönen Landschaft.

All das, was „der Osten“ einst entbehrte, nämlich Einigkeit, Recht und Freiheit, gibt es nun wieder in vollem Umfang. Die Kraft eines Gemeinwesens unter diesen drei Säulen ist seit 1990 ganz neu spürbar. Die Einigkeit gab es in Region und Mentalität schon immer, doch jetzt wird sie auch greifbar, nicht nur verwaltungsmäßig. In Freiheit und unter Recht und Gesetz kann sich das Leben wieder frei entfalten.

An diesem Abend wurde mir aber noch etwas wieder einmal bewußt: Politik wird von einzelnen Menschen gemacht! Auch in Sachsen, auch im Erzgebirge. Viele Christen haben sich im Hintergrund mit eingebracht für ihre Heimat, den neuen Erzgebirgskreis. Unser neuer Landrat hat als bekennender Christ schon vor und während des Wahlkampfes für eine wohltuende, ehrliche Atmosphäre gesorgt. Sicher ein Grund, warum er als ein „Mann der zweiten Reihe“ die Anerkennung seiner Landsleute erwerben konnte.

Für mich waren diese Augenblicke im August 2008 sehr kostbar und werden unvergeßlich bleiben. Ich hoffe und wünsche, dass es den vielen Besuchern aus nah und fern ebenso ergeht und die Menschen dieser Region ihre Zukunft für das Gemeinwohl gestalten.

[Anmerkung: Korrekterweise erstreckt sich das Erzgebirge bis zum Osterzgebirge, d.h. einschließlich des Gebietes vom ehemaligen Landkreis Freiberg/Sachsen und großen Teilen des Weißeritzkreises. Allerdings war es nicht möglich, einen Landkreis aus 6 ehemaligen Kreisen zu bilden, da dieser zu groß geworden wäre und fast „Staatsgröße“ erreicht hätte (vgl. Montenegro).]

 
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Über den Autor

David Decker

Ein Erzgebirger, Jahrgang 1977. Musikliebhaber, Radfahrer, Webseiten- und Bücherleser, Kommunalpolitiker, Gemeindemitarbeiter, Gotteskind, Blogger, WordPress-Anwender... Und: Herausgeber von ekkaleo.de [weitere Infos hier...]

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