Es riecht nach DDR
Während eines Aufenthaltes in Sachsens Messe-Metropole Leipzig kam mir der Gedanke einmal das Stasi-Museum in der „Runden Ecke“ zu besuchen. Gesagt, getan. Nach einem Besuch der Gauck-Behörde (jetzt Birthler-) in Chemnitz 2001 und des geheimen wie berüchtigten Stasi-Untersuchungsgefängnisses Berlin-Hohenschönhausen 2005 schnupperte ich wieder DDR-Stasi-Luft. Mein dritter greifbarer Kontakt mit diesem Kapitel der Vergangenheit. Und ich bereute es nicht, ganz im Gegenteil. Das Eingangsportal des Gebäudes werden viele kennen, sein Innenleben sicher viel weniger. Dabei wäre das wichtiger und aufschlußreicher. Nach dem Betreten des Eckportals bin ich als gelernter DDR-Bürger, Jahrgang 77, sofort wieder im Herbst 1989 angekommen. Grund ist das große Banner der Bürgerrechtler und „Hausbefreier“, welches von der Decke herabschwebt und die großen Plakatwände mit Aufnahmen von Leipziger Montagsdemonstrationen. Erinnerungen werden sofort wach. Gänsehautstimmung.
Museumsführung mal anders
In wenigen Minuten beginnt die Führung durch das Objekt. Mir bleibt nur noch eine gute Stunde dafür, ehe mein Zug heimwärts rollt. Dennoch, jetzt muß es sein, auch wenn ich weiß, dass am Ende keine Zeit für Fragen bleiben wird meinerseits, ich will jetzt hier sehen, was und wie es war. Den Film „Nikolaikirche“ hatte ich vor Jahren im TV gesehen – ich war sehr gespannt was nun auf mich zukommt.
Eine junge Studentin der Politikwissenschaft & Geschichte führte unsere kleine Gruppe von Objekt zu Objekt und erklärte sehr kompetent. Was mir – als ehemaliger Student der gleichen Studienfächer – sofort auffiel, war ihre Neutralität. Sie wertete nicht. Sie legte Fakten dar, erklärte Exponate, deutete auf Zusammenhänge. Diese nüchterne Form bei diesem verminten Thema: das überzeugte sofort. Die interessierten Blicke und Gesten der Gäste sprachen dabei für sich; diese Art kam an, denn die Fakten dieses Museums bzw. dieser Sammlung sprechen sehr deutlich. Es war sehr wohltuend, einen jungen Menschen zu erleben, mit derartiger Sachlichkeit und gebotener Fachkompetenz. So etwas habe ich selten erlebt. – Meine Chemnitzer Führung wurde von aktiven Bürgerrechtlern geleitet, in Berlin von ehemaligen Häftligen. Das ist ebenso eindrücklich und überzeugend, jedoch auf völlig andere Weise. Das waren jeweils Zeitzeugen, hier sprach eine junge Frau, die sich diese Ereignisse wohl erst im Laufe des Studiums bzw. ihres außeruniversitären Engagements angeignet hat – so wie es künftig den meisten Bürgern gehen wird. Es ist also auch möglich auf diese Weise ohne Verzerrungen Zeitgeschichte zu vermitteln. Sehr vorbildlich und ermutigend finde ich!
Nachdenken über Vergangenes
Das Thema „Stasi“ selbst brachte mich neu ins Nachdenken. Zunächst war ich innerlich geschockt, als ich feststellte, wie lange dieses unmittelbare Geschehen doch schon wieder her ist und mich einst als Kind bzw. Teenager wohl nicht betraf – zumindest bis heute nicht wissentlich. Doch ich spürte wie sich zum Thema „DDR“, zur „Friedlichen Revolution 1989“ und eben auch „Stasi“ eine gewisse Distanz eingeschlichen hat. Im Alltag berührt es immer weniger. Ich lebe nun schon knapp 19 Jahre in einem freien Land (länger als in der DDR-Diktatur), kann glauben und sagen, was ich will, und reisen wohin ich will – neben vielen anderen Freiheiten. Ich habe mich an das gewöhnt, was es einst nicht gab.
Im Stasimuseum konnte man die Seite dieses zeitgeschichtlichen Kapitels neu erleben, die dafür gesorgt hat, dass eben vieles nicht möglich war. Zuerst wird einem bewußt: die Stasi hat allen und jedem mißtraut, sogar ihren eigenen Leuten! Mitarbeiter haben sich gegenseitig überwacht, neben der obligatorischen Observation der eigenen Bevölkerung sowie ihrer eigenen Gebäude. Die Nachwuchsgewinnung wurde gezielt im Verbund mit allen staatlichen Institutionen vorangetrieben, im Prinzip ideologisch seit der Kinderkrippe, praktisch-konkret ab etwa 14/ 15 Jahren. Das zog sowieso eine Durchleuchtung des Elternhauses, aber auch der Verwandschaft und Bekanntschaft mit ein.
Politische Geheimpolizei als Militärorganisation
Dabei war das „Ministerium für Staatssicherheit“ (MfS, kurz „Stasi“) eine sehr eigenartige Organisation. Einerseits war es neben der „Nationalen Voksarmee“ (NVA) und der „Deutschen Volkspolizei“ (DVP) die dritte militärische Organisation in der DDR – und eben kein Geheimdienst, auch wenn sie sich so sah und gerne so gesehen werden wollte! Ab Ende der 1980er Jahre hatte sogar das Personal im Bereich Küche und Reinigung bei der Stasi einen militärischen Rang. Der Wahnsinn griff immer mehr um sich. Das praktische alle „Mitarbeiter“ ständig unter Waffen standen und das gesamte Waffenarsenal riesig war, versteht sich dabei fast von selbst. Trotzdem ist das der Gipfel einer Militarisierung der Gesellschaft, welche im DDR-Staat ja schon im Kindergarten begann. Andererseits war die Stasi „Schild und Schwert“ der Partei, sprich der SED – und eben KEIN „Staat im Staate“. D.h. die SED war weisungsbefugt. Das Beziehungsgeflecht zwischen Partei- und Stasiorganisation war engmaschig, bis in den privaten Bereich der Kader bzw. Mitarbeiter hinein. Die Stasi wurde als Instrument der Machtsicherung der SED gegründet, dies war das eigentliche Ziel. Es läßt unter anderem die Schlußfolgerung zu, dass die SED von Anfang an wußte, dass ihre Macht auf wackeligen Füßen stehen würde.
Sowjetisches Vorbild: die Tscheka!
Vorbild und Motivation der Stasi war die Tscheka, also die erste politische Geheimpolizei der Sowjetunion, die nach der Machtübernahme durch Lenins Bolschewiken entstand. Ein perfides Repressions- und Terrorinstrument zur Machtsicherung, oder anders gesagt: eine Verbrecherorganisation, die Menschenleben auf dem Gewissen hat. Gegründet wurde sie von Felix Sterzinsky – bis zu ihrem Ende das höchstangesehene Vorbild der Stasi. Mt großem Stolz bezeichneten sich Stasi-Leute als Tschekisten. Die DDR-Organsiation ahmte das sowjetische Vorbild in vielerlei Hinsicht nach: Zielsetzung/ Strategie, Härte und „Professionalität“ bei der Umsetzung und Ausführung derselben. Im Endeffekt war die Kopie genauso verbrecherisch und menschenfeindlich wie das Original. Die Durchsetzung der Bevölkerung bleibt bis heute in Dikaturen unerreicht: auf 60 DDR-Bürger kam ein offizieller bzw. inoffizieller Stasi-Mitarbeiter. Die totale Überwachung.
Die Stasi war als „Kommando 5“ (K5) bereits vor der Ausrufung der DDR gegründet und aktiv geworden. Damals noch mit direkter Unterstützung durch die Sowjets. 1950 wurde das MfS gegründet aus dem K5. Anfangs belächelten die Russen noch ihren DDR-Ableger, im Laufe der Zeit änderte sich das grundlegend. Die Stasi war im kommunistischen System anerkannt und bisweilen gefürchtet. Trotzdem oder gerade deshalb suchte der KGB Kontrolle und Beziehungen – durch ein Netz von Verbindungsoffizieren bzw. Stabsstellen. Wladimir Putin war übrigens so ein Verbindungsoffizier (!) und in dieser Mission hauptsächlich in Dresden tätig. Erst 1990 wurde er von der UdSSR wieder abkommandiert. – Sollte man sicherlich auch mal drüber nachdenken, was das bedeutet.
Vorbeugende Zersetzung
Ihren alltäglich Repressionswahnsinn zog die Stasi unter anderem aus einer kompletten Umerziehung bzw. Umbildung ihrer eigenen Leute. Dazu wurde eigens eine Stasi-Hochschule in Potsdam eingerichtet – quasi geheim im DDR-Hochschulsystem. Hier wurden Kader in Psychologie, Rechtsverdrehung, Zersetzung und Desinformation ausgebildet und dann auf ihre Opfer losgelassen. Es gab zum Beispiel einen eigenen – geheimen! – Strafrechtskommentar zum DDR-Recht, den nur die Stasi hatte. So wurden juristische Urteile so „vorbereitet“ und am Ende dergestalt hingebogen, dass die Opfer dem System in jedem Falle hoffnungslos ausgeliefert waren.
Im DDR-Alltag griff das System Stasi an vielen Stellen ein – nur wußte man das so nicht direkt. Es gab Verbindungen zu Kinder- und Schuleinrichtungen, den Kommunen und natürlich zuvorderst den Betrieben. Größere Betriebe und Kombinate hatten eigene Stasi-Mitarbeiter bzw. größere Stabsstellen. Dieses Spinnennetz existierte natürlich zusätzlich zu den Stasieigenen Strukturen, mit der Hauptverwaltung in Berlin, den Bezirks- und Kreisverwaltungen sowie Sonderabteilungen. Für alle Teile und Aspekte der DDR-Gesellschaft gab es irgendeine zuständige Stasi-Abteilung. Informiert war man immer bestens. Dazu brauchte man natürlich immens viele Mitarbeiter: die Stasi hatte bis zu ihrem Ende ständig Personalbedarf und einen kontinuierlich wachsenden Mitarbeiterbestand – sowohl an Offiziellen als auch Inoffiziellen. In diesem Zusammenhang war für mich eine Wandtafel mit vielen Fotos innerhalb der Ausstellung sehr beängstigend, aber auch offenbarend: Die Aufnahmen zeigten minutiös und chronologisch abgelichtet alle Besucher eines Kirchweihfestes einer Kirchengemeinde bei Leipzig. Ebenso wurden alle Autos in diesem Umfeld „katalogisiert“. Einen Grund für diese Überwachung gab es nicht direkt. Jedoch wollte die Stasi lieber „präventiv“ Informationen und Bilder haben, um „im Falle eines Falles“ gegen unliebsame Christen sofort vorgehen zu können und die Maschinerie eben bei Bedarf „anwerfen“ zu können. Man möchte sich davon ausgehend als Besucher nicht wirklich vorstellen, was da wohl noch so alles im (Foto-) Archiv der Stasi schlummert. Schon schauderlich!
Am Ende „versagt“
Als die Stasi irgendwie ahnte, dass was passiert – im Oktober/ November 1989 –, begann die systematische Aktenvernichtung. Nicht nur der Groll und bisweilen abgrundtiefe Haß der DDR-Bürger gegen die Stasi, sondern auch und gerade die beginnende Aktenvernichtung, haben das Ende des MfS beschleunigt. Denn ab dem Dezember 1989 wurden ausgehend von Erfurt alle Stasi-Bezirkungsverwaltung von Bürgerkommitees besetzt (später übernommen und abgewickelt). Und das Neue für die Stasi: man konnte zwar mit diesen Leuten verhandeln, aber die blieben im Gebäude und gingen nicht wieder. Mit den Kerzen und Gebeten hatte man Wochen und Monate zuvor auch nicht wirklich gerechnet. Nun hatte man sich mit der Zivilcourage der eigenen Bevölkerung verrechnet. Und ja, die Ratten hatten nun begonnen, das sinkende Schiff zu verlassen. Allein: aufhalten konnte die Stasi den Untergang der DDR so oder so nicht (mehr). Sie war einst zum Machterhalt der SED gegründet worden, versagte aber im entscheidenden Augenblick bei dieser Aufgabe – einmal aus Sicht der SED und Stasi betrachtet.
Fakten, die jeder kennen sollte
Alles solche Gedanken gingen mir durch den Kopf beim staunenden und nachdenklichen Betrachten des Stasimuseums in Leipzig. Ich habe das hier aufgeschrieben als Erinnerung für mich, aber auch als Mahnung für unser Land und kleine Informationsquelle für meine Leser.
Während ich sozusagen geistig Stasi-Luft schnupperte, wurde aber auch meine Nase plötzlich aktiv. Denn in den fast 100-prozentig original erhaltenen Ausstellungsräumen roch es komisch, es roch nach DDR. Es lag irgendwie in der Luft, keiner der Besucher kam so direkt drauf. Bis unsere Begleitung vom Leipziger Bürgerkommitee erläuterte, dass dies völlig normal sei und fast allen Besuchern so geht. Es liegt also in mehrerlei Hinsicht ein Schatten der Vergangenheit über diesem geschichtsträchtigen Gebäude. Das ist aber kein Grund, es zu meiden – ganz im Gegenteil! Deshalb empfehle ich frei heraus: Immer der Nase nach …
Alle weitere Informationen zur Ausstellung unter: http://www.runde-ecke-leipzig.de







[...] riecht diese Überschrift streng nach DDR. Man denkt sofort an Bitterfeld, gedopte Kugelstoßerinnen, Speerwerferinnen, [...]