Songs an einem Sommerabend II

Katie Melua live in der Arena Leipzig - Pictures Tour 2008

Mi., 6. August 2008 – Katie Melua, Mathias Kellner

Songs an einem Sommerabend II – Katie Melua rockte den Freistaat

(Leipzig.) Nach reichlich einem Jahr kehrte Katie Melua und ihre Band zurück in den Freistaat Sachsen. Erneut stand eine Sommertour durch Deutschland auf dem Programm. Dieses Mal konnte sie mit „Pictures“ endlich ein neues Album live präsentieren – und die Messestadt Leipzig war die erste Station dieser Tour in Deutschland! Nach den Frühjahrkonzerten im April und dem Auftritt beim Berliner iTunes-Festival war dies bereits die zweite Tour 2008. In die Sachsen-Metropole hat die georgisch-stämmige Britin erneut eine leicht umbesetzte Band mitgebracht: interessanterweise fehlte vom April ausgerechnet Perkussionist Luis Jardim. Den Wenigsten wird es aufgefallen sein, denn was wirklich beeindruckte, war der Sound und die geschlossene Mannschaftsleistung an diesem Abend.

„Ich bin die Vorgruppe!“
Bevor jedoch die Hauptattraktion des Abends die Bühne betrat, hatte noch ein Kellner seinen Auftritt. Kein Gastronom, versteht sich, sondern Mathias Kellner, Singer/Songwriter aus Regensburg in Bayern. Für Erheiterung sorgte seine Selbstankündigung nach dem ersten Lied: „Ich bin die Vorgruppe heute Abend!“ – Und spätestens nach dem zweiten Lied war klar: er hatte absolut recht! Nicht nur durch seine wuchtige Erscheinung, sondern in erster Linie durch seine große Stimme und glänzendes Engagement füllte er die riesig anmutende Bühne und den Saal allein mit seiner Musik. Seine selbstgeschriebenen Lieder gab er nur mit Akustikgitarre zum Besten und konnte nach einigen Momenten der Skepsis das Publikum schnell auf seine Seite ziehen. Eigentlich hatten viele Besucher als Support Act die Australierin Andrea McEwan (Katies neue Labelkollegin!) erwartet, die bereits im Frühjahr mit dabei war und auch in den Terminlisten lange stand, jedoch kurz vorher gestrichen wurde – aus unbekannten Gründen. Es wusste also niemand so recht, wer gegen 20.00 Uhr die Bühne als „Vorgruppe“ betreten sollte. Die übergroße Mehrheit wird Mathias Kellner an diesem Augustabend zum ersten Mal gehört und gesehen haben, aber hoffentlich nicht zum Letzten. Hier scheint sich ein echtes Talent vorgestellt zu haben. Nach 20 Minuten (!) war leider schon wieder Schluss mit seinem Auftritt und der ca. 25-minütige (!) Umbau für das „Pictures“-Programm begann.


[Videolink]

Blues, Jazz und Rock im Hauptprogramm – ohne Effekthascherei
Dann endlich strömten die Musiker auf die Bühne und begannen mit „My Aphrodisiac Is You“ die instrumentelle Einstimmung der Show. Katie Melua kam einige Momente später auf die Bühne – im eleganten lila Kleid. Nun verdiente die lauernde Fotografen-Schar ihre Brötchen und auch die installierten Videowände strahlten zur Hochform auf. Schnell hatten sich die Sängerin, ihre Band und das Publikum gefunden. Bereits mit dem ersten, bluesigen Track sprang der Funke über. Offenbar war niemand im Saal, der ihre Musik noch nicht kannte. Dabei überraschte mich der große Mix des Publikums schon ein wenig: Frauen- und Männeranteil sehr ausgeglichen, von Teenies bis Senioren alles vertreten. Erneut bewahrheitete sich: Katie Meluas Musik verbindet Generationen. Auch ein schönes live-Erlebnis!

Bereits die iTunes-Live-Aufzeichnung deutete es an: Katie und ihre Band wagen rockigere Arrangements ihrer Lieder. Erlebte ich 2007 in Dresden beschwingte, aber meist zurückhaltend dargebotene Blues- und Jazz-Hymnen in entspannter Open-Air-Atmosphäre, so begann es in der „Leipzig Arena“ öfters kurz zu brodeln. Der Hallen-Sound war naturgemäß lauter und druckvoller, insbesondere im Baßbereich. Die Rocknummern saßen auf den Punkt, brachten Fans zu echter Begeisterung und interessierte Besucher der älteren Semester zu mancher Verwunderung. Mich verwunderte etwas anderes, nämlich die dezente Lichtshow, welche äußerst passend die niveauvolle Musik unterstrich. Es gab keine Videoinstallationen zu Songs (wie andernorten schon bei „Ghost Town“ oder „If You Were A Sailboat“ gesichtet), sondern farbige Lichtstimmungen. Und interessanterweise genügte das völlig. Denn mal ehrlich, was braucht es bei dieser Stimme und Ausstrahlung noch mehr? Eben!


[Videolink]

Mit den „Pictures“-Songs rockte die Halle
Sieben Stücke wurden vom „Pictures“-Album dargeboten und diese sehr mitreißend und wie gesagt sehr rockig – für Melua-Verhältnisse! „Mary Pickford“ und „If You Were A Sailboat“ waren gleich im ersten Drittel dabei und kamen schnörkellos ganz ohne Überraschungen daher; eben gewohnt gute Qualität, sonst wären es beide keine Singles geworden im Herbst 2007. „Ghost Town“ setzte dann das erste Achtungszeichen der neuen Songs, dieser Reggae passte nicht nur zur Sommeratmosphäre des heißen Sonnentages, sondern drückte Zugleich Katie Meluas Stimmung an diesem Abend aus: ihr war offenbar nach Party zumute. Sie fegte ausgelassen über die Bühne und begann zu Tanzen. Das sitzende Publikum wollte offensichtlich schon mitgehen – traute sich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz.

„Perfect Circle“ wurde in der neuen alternativen Modern-Rock-Version gespielt. Meiner Überzeugung nach zündet der Song erst auf diese Weise richtig. Neben einem Intro wurde zusätzlich eine Instrumentalsession eingebaut und so dem Ganzen ein passender Rahmen gegeben. „If The Lights Go Out“ war für mich ein absolutes Highlight des Abends, denn die Band ging merklich aus sich heraus und spielte sich in neue Höhen! Stürmischer und langer Applaus war der Dank für diese schnelle Rockversion. Ebenso wie „Perfect Circle“ scheint sich dieser Titel erst live richtig entfalten zu können. Weniger applaudiert wurde dagegen bei „Scary Films“ – sicher nicht weniger gut gespielt, doch das Lied kam einfach nicht so toll rüber – und gehört auch schon auf der CD nicht zu meinen Favoriten. Bei „Spellbound“, welches von georgischer Folkmusik inspiriert wurde, kam wieder mehr Stimmung auf; das Lied zieht einfach mit und Katies Bühnenperformance (sprich: Tanzen!) nahm wieder sichtlich zu. Was ich schon 2007 bemerkte: Katie hat eben eine starke Bühnenpräsenz und verblüfft mehr und mehr gerade bei den fetzigen Nummern!

Ohne Katie-Hits geht nichts
Neben den neuen Liedern erklangen natürlich auch die meisten Klassiker, die Katie Melua seit 2003 überhaupt erst zu dem machten was sie heute ist. Ihre Blues- und Jazz-Perlen mit einer Idee Pop überzeugten wie immer. Diese „Standards“ hat sie drauf, aber spult sie nicht runter, sondern legt sich bei jedem Titel nicht nur mit ihrer Stimme ganz rein in die Songs, zum Beispiel bei „Piece By Piece“. Es gab hier einfach nichts auszusetzen. Dabei ist ihre stimmliche Bandbreite immer wieder erstaunlich, mit welcher Klarheit und Sensibilität sie schwierigste Passagen meistert und das ganze fast schon leichtfüßig wirkt. Ein besonderes Schmankerl waren ihre beiden Akustik-Auftritte: als die Band kurz verschwand und sie ans Piano schritt, erwarteten viele Fans eigentlich „What I Miss About You“, doch sie zelebrierte „I Do Believe In Love“. Ein atmosphärisch-dichter Höhepunkt des Abends. Zuvor begeisterte sie an der Akustikgitarre bereits mit „Lilac Wine“.

Während das Konzertprogramm unweigerlich dem Finale entgegensteuerte – der „Mockingbird Song“ als erstes Anzeichen dafür – sei an dieser Stelle nochmals besonders die Band erwähnt: ohne ihr Team an der Seite wäre Katie Melua als Musikgenuß nur halb so gut! Pianist Jim Watson oder Schlagzeuger Henry Spinetti sind eine Klasse für sich und bringen reiche Erfahrung mit. Keyboarder, Streicher, Flötist und Bongo-Spieler Frank Gallagher sorgte immer wieder für die feinen Details und bereicherte als wahres Instrumental-Genie die Arrangements ungemein. Bassist Tim Harries spielte bereits das letzte Album mit ein und überzeugte ebenso wie seine Vorgängerin Lucy Shaw. Der Gitarrist seit 2008, Luke Potashnik, zeigte nach meinem Geschmack eine zu starre Performance, aber sein Spiel und seine Background-Vocals waren dennoch erste Sahne. Mit seinem Pilzkopf war er wohl neben der Sängerin der Publikumsliebling des Abends. Trotzdem vermisste ich Justin Sundercoe an dieser Stelle …


[Videolink]

Die Arena steht!
Vor der Zugabe erklang das unweigerliche „The Closest Thing To Crazy“ – schon beim ersten Ton ging ein Raunen durch die Menge –das hätte ich eher beim nachfolgenden „Nine Million Bicycles“ erwartet. Letzteres kam Album-like mit echter Flöte daher und war ein wahrhafter live-Genuß! Ja und dann war nach 18 Titeln bereits das Repertoire für diese Show am Ende angelangt. Nun folgten spontan stehende Ovationen und minutenlanger Applaus, bis sich die Band erneut herauswagte. Demonstrativ blieb das Publikum stehen – für „On The Road Again“ auch die wahrlich beste Entscheidung! Hier wurde beiderseits so richtig abgefeiert: Katie und ihre Band ließen es noch einmal richtig krachen und beim Publikum entlud sich die ganze aufgestaute Energie der letzten Stunden. Ich fand das Stück hier noch gelungener als ein Jahr zuvor in Dresden. Zum besinnlichen Ausklang des Abends erklangen das Janis-Joplin-Cover „Kozmic Blues“ sowie das grandiose „I Cried For You“. Nach insgesamt zweieinhalb Stunden neigte sich ein herrlicher Konzert-Sommerabend seinem Ende zu. Einmal mehr wurde deutlich: Katie Melua steigert live, was sie auf CD verspricht. Und sie versteht es, in einem langen Liederabend stetig neue Akzente zu setzen. Da bleibt einem eigentlich nur der Wunsch nach Fortsetzung dieses Musikerlebnisses – für mich am liebsten wieder in Sachsen :-)

—David Decker für lastfm.de & ekkaleo.de, 7. & 10. August 2008

 
Bilder & Videos vom Konzert:

P.S. Vor dem Konzert gab es das erste kleine Fantreffen des deutschen Katie Melua-Fanclubs. In angenehmer Atmosphäre lernten sich einige Mitglieder erstmals “offline” kennen. Der Anfang ist also gemacht, weitere Treffen könnten (und sollten) folgen. Dem Fanclub anschließen kann man sich im deutschen Fan-Forum!

Über den Autor

David Decker

Ein Erzgebirger, Jahrgang 1977. Musikliebhaber, Radfahrer, Webseiten- und Bücherleser, Kommunalpolitiker, Gemeindemitarbeiter, Gotteskind, Blogger, WordPress-Anwender... Und: Herausgeber von ekkaleo.de [weitere Infos hier...]

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