Hintergründe zur Christenverfolgung in Orissa, Indien
Seit ich von den Ereignissen in Orissa, Indien, erfuhr, wo Christen verfolgt werden, stelle ich mir folgende Frage: Was kostet Christsein und was kostet es im Westen? Ich habe darauf noch keine Antwort und weiß auch nicht, ob ich eine bekomme. Nur egal sind mir diese Vorgänge nicht, da mich einerseits die Berichte nicht kalt lassen und das Thema andererseits hilfreich ist, um die Position von Christen der Gesellschaft zu bestimmen.
Nach meinem letzten Bericht habe ich nun erneut Informationen erhalten und werde einige weitere Hintergründe zu den schlimmen Ereignissen bringen. Mir geht es dabei nicht um dicke Überschriften, krasse Bilder oder Sensationshascherei. Mir ist das Thema ernst und ich lade meine Leser ein, mit nachzudenken, mit zu beten und vielleicht in einer geeigneten Weise etwas zu tun.
Anlaß für die Christenverfolgung war die Ermordung eines lokalen Führers vom Welt-Hindu-Rat (VHP) am 23. August 2008. Die Polizei macht dafür Kommunisten (Naxaliten) verantwortlich. Der VHP-Präsident und seine Anhänger haben ein anderes Erklärungsmodell:
„Erneut hat sich das grausame Gesicht der christlichen Missionare entblösst. [Name des Ermordeten] arbeitete 45 Jahre lang unter Stammesangehörigen, indem er Spitäler, Schulen und Heime baute. Er war weder ein Kapitalist noch ein Asozialer. Durch seine Tätigkeit wurden die Stammesangehörigen zu unserer Kultur und Religion erweckt, was einzig für die christlichen Missionare ein Hemmnis war.“
Wenn man verschiedene Berichte und Angaben der Behörden aus den letzten Wochen studiert, ergeben sich wohl einige hundert Tote sowie ca. 40.000 Flüchtlinge, die unter anderem in den Wäldern Zuflucht suchen oder in anderen indischen Bundesstaaten. Missionare berichten folgendes dazu:
“Betroffen sind hauptsächlich Christen in Kandhamal und zwar Baptisten, Lutheraner und andere Evangelische neben der römisch-katholischen Kirche, welche die stärkste Präsenz hat. Die meisten Christen in Kandhamal sind Angehörige des Stammes der Panos (Dalits). In den letzten Jahrzehnten sind viele aus dieser untersten sozialen Schicht zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Heute verfügen sie über eine bessere Bildung und stehen auch wirtschaftlich besser da als viele Nichtchristen in der Region, insbesondere die Angehörigen des Khandastammes. Diese soziale und wirtschaftliche Komponente spielt bei der Gewaltwelle in Orissa eine wichtige Rolle.”
Die gewaltätigen Ausschreitungen haben bitterliches Leid zur Folge, aber auch verblüffende Reaktionen. Die Missionare zitieren aus einem Brief:
“[...] Viele Gemeindeleiter haben ihr Zuhause verlassen und sind in den Wald geflüchtet. In all diesem Elend preisen wir den Herrn für seine Herrlichkeit und Ehre. Irgendwie braucht ER diese Tragödie, um Seinen Triumph und Seinen Sieg sichtbar werden zu lassen: ’Das Blut der Märtyrer ist der
Same der Kirche’.”
Andere Christen aus der Gegend bzw. anderen Regionen Indiens versuchen Hilfe zu organisieren, vornehmlich praktischer Art. Doch der Zugang zu den betroffenen Dörfern ist ihnen verwehrt, ebenso für christliche und ausländische Hilfswerke. Nur für Reiseorganisationen und Hindu-Hilfswerke ist der Zugang frei.
Die Helfer vor Ort geben eine sehr differenzierte Einschätzung der Lage und stimmen ebenso nachdenkliche Töne an. Ich halte es für wichtig, dass wir im Westen gerade diese Feinheiten erkennen. Daher hier ein etwas längeres Zitat:
“Die Gläubigen in Indien sind über die Gewaltwelle in Orissa schockiert und befürchten, dass diese auf Nachbarstaaten wie Andhra Pradesh überschwappen könnte. Landesweit steht die Regierung von Orissa immer mehr in der Kritik, aus Sympathie für die Hindu-Fanatiker zuwenig für den Schutz der Christen getan zu haben. Vielerorts finden Demonstrationen gegen die Gewalt in Orissa statt. Gleichzeitig gibt es auch christliche Stimmen, die zur Einkehr und Selbstprüfung mahnen. Es gibt nicht nur böse Hindu-Fundamentalisten. Es gibt auch gedankenlose Christen, die mit ihrem Verhalten die religiöse Mehrheit unnötig provozieren. Zum Beispiel wenn der Hinduismus öffentlich verspottet und als dummer Götzendienst blossgestellt wird. Paulus wählte andere Töne, nachdem er in Athen die vielen Götterbilder gesehen hatte (vgl. Apg. 17,16-34). Viele Hindus ärgern sich auch über den enormen Geldfluss aus dem Ausland zugunsten einheimischer Christen. Das weckt Neid. Wenn vom Mob zerstörte Kirchen mit viel Geld protzig und doppelt so gross wiederaufgebaut werden, ist das nicht gerade die beste Methode, den Menschen das Evangelium von Jesus Christus zu bringen. Die Apostel hatten einen anderen Zugang zu den Leuten: ‘Gold und Silber besitze ich nicht …’ (siehe Apg. 3,6), sagte Petrus einmal.”
Vor Ort gilt es nun eine “Bestandsaufnahme” zu machen: d.h. konkret zu schauen, wer von Familien überlebt hat, wie es den Kindern geht, was man vielleicht wieder aufbauen kann usw.. Auch wird vieles im Verhältnis zu den Hindus und deren Organsiationen sowie auch zu den staatlichen Behörden zu klären sein. Ich will mich hier nicht aus dem Fenster lehnen, dennoch könnte ich mir vorstellen, dass es in diese Richtung geht.
Es gibt einige Christen in Indien - offenbar werden es immer mehr -, die erkennen, dass die Hilfe für die Verfolgten zuerst eine Sache der einheimischen Christen ist, nicht der aus dem Westen. So heißt es unter anderem:
„Die Kirche in Indien muss einen Schritt nach vorne tun und selbständig Hilfe für die vertriebenen Brüder bereitstellen. Ich glaube, dass die Gemeinde Jesu in Indien über genügend Mittel dafür verfügt. Zu diesem Zeitpunkt würde man der Sache von Gottes Reich nur schaden, wenn man mit dem Bettelhut in den Westen ginge.“
Trotz aller Trauer und Bitterkeit sind das für mich Worte der Hoffnung und Ermutigung, zeigen sie doch, wie Christen in der Stunde der Not Verantwortung übernehmen wollen und in den praktischen Dienst treten.
Ich hoffe die obigen Worte und Zitate geben etwas mehr Einblick und differenzieren. Ich werde keine Namen und Quellen öffentlich nennen zum Schutz der Menschen - natürlich sind sie mir bekannt!
Laßt uns Beten!
Wie ich schon im letzten Beitrag schrieb, geht es darum, dass wir zuerst ins Gebet kommen. Laßt uns regelmäßig für die Geschwister in Orissa und in ganz Indien beten!
Gebetsanliegen:
- Gebet für ein Ende der Verfolgung und Gewalt
- für Aufnahme und Schutz der Überlebenden und Verfolgten
- besonders für die traumatisierten und nun heimatlosen Kinder, die ihre Eltern verloren haben
- für Christen in Indien, damit sie sich gegenseitig helfen können und wollen
- für die Christen, damit sie niemand zum Anstoß sind durch Verhalten oder Besitz
- für ein gutes Verhältnis der Christen mit den Hindus und deren Organisationen sowie mit den staatlichen Behörden
- für die Situation der Kastenlosen, sowie generell für die beiden untersten sozialen Schichten
- für Glaubens- und Meinungsfreiheit in Indien
- für die Polizei und Regierung, damit sie Recht und Ordnung aufrecht erhalten und Schuldige bestrafen
… und laßt uns alle zusammen eine Stärkung nehmen aus Gottes Wort:
“Macht euch keine Sorgen, sondern bringt eure Anliegen im Gebet mit Bitte und Danksagung vor Gott! Und sein Friede, der alles menschliche Denken weit übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken im Glauben an Jesus Christus bewahren.”
~Die Bibel, Philipperbrief 4,7





Sehr differenziert geschrieben. Das finde ich gut, da viele Artikel über diese Hergänge eher einseitig verfasst sind.
Inzwischen hat es allerdings auch in anderen südlichen Bundesstaaten wie Tamil Nadu und Karnataka Angriffe auf Kirchen und Christen gegeben. Besonders in Karnataka wurde berichtet, dass es dort schon lange unter der Oberfläche gebrodelt hat, auch wenn man davon ausgehen kann, dass die aktuellen Übergriffe durch die Vorkommnisse in Orissa angespornt worden sind.
Ein durchaus zulässiges Argument der Hinduaktivisten, die derzeit sehr wenig Sympathie in den indischen Medien erfahren und deren Jungorganisation Bajrang Dal (ein Zweig der VHP) verboten werden soll, sind die sog. “erzwungenen Konvertierungen” der Missionare. Erzwungen heißt in diesem Zusammenhang einfach nur, dass den Dalits, die sehr anfällig für Konvertierungen sind und auch Schutz vor Kastendiskriminierung in anderen Religionen wie Islam und Buddhismus suchen, Gegenstände und Hilfe angeboten werden, wenn sie sich zu Jesus Christus bekennen. Das kann dann die Form von finanzieller Unterstützung annehmen, Bildung für die Kinder, aber auch ganz ordinäre Dinge wie kostenlose Fahrräder. Die ewig schwindenen Zahlen der Hindus bereiten den entsprechenden Parteien natürlich Kopfschmerzen, und obwohl es bei diesen sog. erzwungenen Konvertierungen ähnlich zu geht wie bei den meisten politischen Wahlen in Indien, während denen Artikel wie Saris, Sonnenbrillen und kostenloser Strom ausgeteilt werden, um die Meinung zu schwenken, finden die Parteianhänger der VHP in der Konvertierungsproblematik gutes Futter für die derzeit stattfindenen Diskussionen. Wenn ich ein paar der Diskussionsrunden mit den entsprechenden Leuten im Fernsehen verfolgt habe, wurde jeweils prima von den gewaltsamen Protesten abgelenkt und man sprach sehr ausführlich über die Konvertierungen, die in Indien immer ein sehr heikles Thema darstellen. Es ist den Journalisten bisher nicht gelungen, eine anständige Stellungnahme der VHP zu erhalten, die ihr Statement inzwischen auch dahingehend abgeändert hat, als dass es eben christliche Kommunisten gewesen sein müssen, die Lakshmanananda ermordet haben (in Bundesstaaten wie Kerala gibt es tatsächlich christliche Kommunisten, obwohl dies ein Widerspruch ist).
Leider hat es der abgesunkene Aktienmarkt inzwischen geschafft, das Thema Orissa von der Titelseite der Medien zu verdrängen. Man muss gespannt sein, ob das Verbot der Bajrang Dal tatsächlich durchgesetzt werden wird. Momentan sieht es nicht danach aus.
LG
Daniela