Stoppt fair gehandelter Kaffee die Armut? (Blog Action Day 2008 Teil I)

Kaffeebohnen – fair oder unfair?
(Bild: SXC.hu, mluedtke)
Dabei habe ich schon immer Bauchschmerzen mit dieser Sache gehabt, denn das Modell selbst gibt es ja schon viele Jahre, insbesondere nahm es mit „fair gehandeltem Kaffee“ seinen Anfang. Es scheint nur gerade einen zweiten Frühling zu erleben oder gar seinen Durchbruch. Generell habe ich auch gar nichts gegen die Motive, ganz im Gegenteil! Es ist absolut super wenn diesen ärmeren Menschen so geholfen werden könnte.
Nur ich verstehe das System nicht ganz und möchte daher einige Fragen stellen.
Warum gibt es dann nicht auch fair gehandelte Bananen, Reis, Tee, Autos, T-Shirts usw.? Warum sollen wir nur beim Kaffee, vielleicht beim O-Saft aufpassen? Warum sollen Kaffeebauern fair entlohnt werden, aber die Reisbauern interessieren uns nicht? Oder was ist mit den Näherinnen hinter chinesischem Stacheldraht, die in irgendeiner Arbeitskolonie unsere neuen T-Shirts und Turnschuhe herstellen für ein paar Cent?
Und was würde eigentlich passieren, wenn sich fair gehandelter Kaffee durchsetzt? Was passiert dann mit dem unfair gehandelten Kaffee und den daran beteiligten Menschen? Werden die entsprechenden Firmenangestellten im Westen dann arbeitslos und verhungern die Kaffeebauern des unfairen Kaffees? Was sollte daran dann wiederum fair sein? Und was sozial und was gerecht? – Sicher, ich überzeichne etwas. Nur, wenn es um Armutsbekämpfung geht, erwarte ich praktizierte Nachhaltigkeit und Fairness ohne öffentliche Aufregung und eben nicht Agitation, Propaganda und viel Laberei.Warum stürzen wir uns auf fair gehandelten Kaffee, aber lassen die Weltmärkte für die sogenannten „Dritte-Welt-Länder“ auch weiterhin geschlossen? Es ist alles so widersprüchlich. Es kommt mir ein bißchen so vor wie die Panikmache, um Mikrowellenessen, was angeblich krebserregend sei. Weder da noch beim Kaffee weiß jemand, ob es wirklich stimmt. Nur das Gewissen ist schön beruhigt. Und man konnte Aktivität zeigen innerhalb einer Gemeinschaft. Das schafft emotionale Ruhe.
Aber nochmal: Warum öffnen wir nicht generell unsere Märkte für alle Produkte weltweit? Warum treiben wir nicht offiziell und auf der ganzen Linie Handel etwa mit den Ländern, wo der sogenannte faire Kaffee (UND der „unfaire“) herkommt? Dann wären viele Probleme auf einmal gelöst. Die Menschen wären unserer Partner und umgekehrt. Dann wird automatisch ganz normal zu normalen Marktpreisen gehandelt und alle Beteiligten können ganz normal davon leben. Das wäre fair! Das wäre Chancengleichheit. Das wäre echter Freihandel und freier Wettbewerb.
Ich habe ehrlich gesagt diese ganzen Aufregerkampagnen satt. Im Namen der Armutsbekämpfung bekommt das alles die Label „authentisch“, „sozial“, „nachhaltig“ angeheftet – und was weiß ich nicht alles noch dazu. In Wirklichkeit ist es alles eine Riesenverarsche für die „aufgeklärten Bürger des Westens“, die einfach nur in Ruhe leben wollen und eigentlich von dem ganzen Zeugs da draußen möglichst wenig mitbekommen wollen, oder?
Hier ein paar Vorschläge, die Artmut beseitigen könnten:
- Märkte für alle Länder öffnen, keine erste, zweite, dritte Welt und solchen Quatsch mehr
- Lieber freier Handel zu korrekten Preisen, statt „freie Produkte“
- keine korrupten Regimes mehr mit „Entwicklungshilfe“ schmieren – Geld löst nämlich nicht alle Probleme
- es geht um konkrete Projekte – zuerst müssen aber die Menschen Partner werden, unvoreingenommen
… und inspirierende Artikel von benachbarten Blogs:
- soomah - Deine Stimme gegen Artmut
- iChurch - Armut in Afghanistan
- Tobias Faix zum Thema Hunger
- bueltge - nähert sich “Armut” sozusagen um die Ecke gedacht
- bei Basic Thinking
• DE: Dieser Beitrag ist Teil I meines Feature zum “Blog Action Day 2008 - Armut” — Teil II hier …
• EN: This post is part of Blog Action Day 2008 - Poverty






[...] renatodc / Effekt: ekkaleo.de)Im Rahmen des 2008er Blog Action Day habe ich mich bereits über Fairness und Armut im Handel ausgelassen, nun möchte ich noch einen mehr geistlichen Aspekt [...]
Hallo David,
ich bin zwar auch kein Freund von hysterischen Kampagnen, aber mit dem Thema fair gehandelte Produkte hast Du meines Erachtens nicht ganz das glücklichste Beispiel erwischt, denn da wird schon seit vielen Jahrzehnten dran gearbeitet und wer sich ein bissle umschaut wird feststellen, dass es die fair gehandelten Bananen, Tee, Reis, Schokolade u.ä. auch schon lange gibt - nur sind Bananen z.B. für den 14tägig betriebenen Gemeindestand nicht das handelbarste Produkt (nicht jeder findet schwarz so schön wie Du ….plumpe politische Anspielung).
Auch die Frage, warum der Kaffee das Leitprodukt ist, ist in dem Fall erklärbar. Hier handelt es sich trotz des üblichen Massenkonsums traditionell um ein “Luxusprodukt” (für das man früher verhältnismäßig teuer bezahlte). Der Gedanke war wohl: wer sich Kaffee “leisten kann”, kann auch etwas tiefer in die Tasche greifen. Bei Lebensmitteln des täglichen Bedarfs sieht das ein kleinwenig anders aus.
Und der Sinn fairer Preise ist doch nachvollziehbar - siehe doch die eigene Landwirtschaft.
Oder hattest Du Schlüsselerlebnisse mit aggressiven Kaffee-Gutmenschen?
Ein treffenderes Beispiel für hysterische Kampagnenwut wäre die einseitige Umweltfocussierung auf das “Gift” CO2 .
Grüßle
Rainer
@Rainer:
Ich weiß ja, dass es inzwischen schon jede Menge anderer Produkte gibt und ich hatte auch schon mal welche. Mit den Produkten habe ich gar kein Problem, mein Wunsch ist viel mehr, dass alles fair gehandelt sein müßte, weil jeder die gleiche Chance hat, egal ob ich aus Guinea (Afrika), Tasmanien oder Bulgarien was importiere nach Deutschland. — Eine “Graswurzel-Konsum-Kampagne” mag gut sein, doch ich denke ganz kann man die Politik und die Staaten, sowie die EU z.B., nicht ausblenden. Dort muß sich auch was bewegen. Ich bezweifle halt, dass allein der Konsum ausreicht, außerdem könnte das ja noch Jahre dauern. Sollten wir so lange warten, bzw. die “Anderen”?
Und dass mich die Agitation darum ziemlich nervt, ist ja wohl ein Stück rausgekommen, d.h. eigentlich gute Absicht, die aber nicht immer so glücklich rüberkommt.
Danke für den (für mich zugegebnermaßen) provokanten Beitrag. Ich gehöre zu den Fair-Trade-Kaffe-Gutmenschen, die Rainer ansprach, hoffentlich nicht die aggressive Sorte.
Ich stimme Rainer in vielen Punkten zu, v.a. was Kaffee als Luxusgut anbelangt, und die vermarktbarkeit. Natürlich wird aus der Fair-Trade-Idee, jetzt wo sie sich kommerziell durchzusetzen beginnt, etwas anderes, als sie das jahrelang als Nischenprodukt war. Wo die Reise hingeht weiß sicher keiner so genau.
David: Du sprachst von konkreten Aktionen. Wenn dass, was GEPA z.B. mit ihren Bauernkooperativen anleiert nicht konkret ist, was dann? Mit dem GEPA-Kaffee läuft das so, dass die Bauern nicht nur etwas höhere als Marktübliche Preise bekommen, sondern sie müssen ihre Felder auch möglichst ökologisch und nachhaltig betreiben; außerdem wird in ihre Bildung, bzw. die ihrer Kinder investiert.
Apropos marktübliche Preise: Die werden von - ich pauschalisiere - Großkonzernen also dem Westen diktiert, UND an der Börse von Spekulanten auf dem Rohstoffmarkt mittels Optionsscheinen nicht unwesentlich beeinflusst. Und was solche Spekulationen mit sich bringen können lesen wir gerade ausführlich in den Zeitungen. Auch die weltweite Preissteigerung bei Grundnahrungsmitteln im letzten 1 1/2 Jahr geht, neben dem Bio-Diesel-Wahn der Westler, auch auf Rohstoffspekulationen zurück.
Und nochmal Fair-Trade: Auch wenn es inzwischen sogar fair gehandelte argentinische Öpfel gibt, kaufe ich diese nicht, denn es gibt auch hier gute Äpfel, die mit wesentlich niedrigeren Transportkosten (und CO2-Ausstoß) auf meinen Tisch kommen.
Also auch Fair-Trade ist nicht uneingeschränkt ökologisch und sinnvoll.
Ich hätte noch mehr zu sagen, aber das ist ja nur ein Kommentar und kein eigener Post :-)
Gruß,
Phil
@Phil:
Danke für den Beitrag - genau wie an Rainer :-)
So eine konkrete Initiative finde ich gut! Mir geht es jedoch darum, dass man generell die Märkte öffnet, d.h. hier ist insbesondere der Westen am Zug. Die sogen. “Dritte-Welt-Länder” sind doch bei großen Teilen des Wirtschaftskreislaufes außen vor. Das ist doch das Problem.
Wir haben bisher schon viele einzelne Kampagnen usw., es ist auch eine gewisse Bewegung da, die Fair-Trade-Sachen scheinen eine gewisse kritische Masse zu erreichen. Dennoch ist mir das zu wenig, es müßte viel mehr Bewegung in den Markt, um Chancengleichheit zu erzielen. Mir kommt es jedoch vor, wie beim 3-Liter-Auto: machbar, doch (jetzt noch) nicht gewollt.
Der Artikel ist zwar schon etwas älter, aber ich bin erst jetzt darauf gestoßen. Fair handeln wird immer wichtiger. Nicht nur für die etwas ärmeren Leute „dort“, sondern auch für uns hier in der westlichen Gesellschaft. Faire Bezahlung, fairer Lohn und Sicherung der Arbeitsplätze fängt hier an und umspannt die Ländern, die uns mit ihren Produkten beliefern.
Leider habe ich immer noch das Gefühl, dass absichtlich Märkte „dort“ zerstört werden, indem „wir“ Zwiebeln billig liefern und die Bauern woanders keine Lebensgrundlage mehr haben. Das hat zwar nichts mit Kaffee zu tun, denn den exportieren wir nicht, aber Zucker wäre ein gutes Beispiel.
So langsam hat sich zwar bei dem ein oder anderen Bürger durchgesetzt, des öfteren zu „fair gehandelten“ Produkten aller Art zu greifen, aber ich bin pessimistisch, ob diese Entwicklung anhält. In Krisenzeiten ist man sich eben doch der nächste oder kann es sich schlichtweg nicht leisten, zum etwas höherpreisigen Produkt zu greifen. Der Trend geht meines Erachtens hin zum Einkauf bei regionalen Erzeugern (okay, Kaffee und Bananen ausgeschlossen ;-) ).
Eine weitere Befürchtung, die ich bei „fair“ gehandelten Waren habe ist die, ob auch Kleinbauern etwas davon haben. In Drittweltländern gibt es auch Großindustrien, die den Reibach machen, während andere trotzdem hungern müssen. – Deshalb lohnt sich vielleicht ein Blick nach Namibia. Dort geht gerade eine politische Entwicklung vor sich, von der wir noch etwas lernen können.
Hoffe, ich habe das Thema nicht all zu sehr verfehlt. ;-)
Liebe Grüße!
Vielleicht ist der zweite Frühling des fairen Kaffees nur ein Marketingtrick. Um mehr zu verkaufen kann man mehr Kaffeesorten oder auch Faittrade Kaffee im Assortiment aufnehmen. Fragt man die Leute ob Sie es gerecht finden dass die Kaffeebauern ausgebeutet werden, antworten die Meisten natürlich mit “Nein”. Was bedeutet dass Sie dann eigentlich fairen Kaffee kaufen müssen. Man benutzt die “Gutheit” der Leute um neue Marktanteile zu erobern. Was man den Kaffeebauern mehr bezahlt rechnet man hier auf den Preis auf. Und verdient noch immer genausoviel als zuvor mit dem “unfairen” Kaffee und hat man mit der Idee von “fairem” Kaffee gleichzeitig noch einen neuen Absatzmarkt geschaffen und man verkauft und verdient mehr als zuvor. Kaffeehändler die diesen Trend nicht rechtzeitig erkannt haben ziehen den Kürzeren. Der Grund für fairen Kaffee ist dann nicht dass man irgendwelchen armen Menschen helfen will, sondern dass man von seinen Konkurrenten gewinnen will.