Ich steh an Deiner Krippen hier

Besinnung an der Krippe
2007 feierten wir das Paul-Gerhardt-Jahr anläßlich seines 400. Geburtstages. Es ist kein Geheimnis, dass in Deutschland wohl mehr Menschen eine Liedstrophe von Paul Gerhardt als ein Gedicht von Goethe auswendig zitieren können. Selbst Leute, die keine oder nur sporadische Beziehungen zur “Kirche” haben. Der aus Sachsen stammende Pfarrer und Dichter (1607-1676) hat die deutsche Sprache nachhaltig geprägt, auch wenn man dies natürlich erst aus der langen Rück-Sicht sagen kann. — Was bis heute fesselt und fasziniert, sind seine intime Ausdrucksweise und das fast übermächtige Sprachgefühl. Man kann ihn eigentlich bis heute hervorragend verstehen, auch wenn in dieser Form heute natürlich nicht mehr im Alltag gesprochen und geschrieben wird. Sein Vermächtnis ist aber viel mehr als “nur” Kultur: er hat ein geistliches Vermächtnis hinterlassen; sein Glaube an seinen lebendigen Herrn Jesus Christus ist unverkennbar, keiner kann das leugnen. Seine weithin bekannten und gepflegten weihnachtlichen Dichtungen “Wie soll ich dich empfangen” sowie “Ich steh an deiner Krippe hier” sind nicht nur in der Adventszeit geistlich-poetischer Ausdruck des Weihnachtsgeschehens.
Aus gegebenem Anlaß der Versuch einer Begegnung mit seinem “Krippengedicht”:
“Ich steh an Deiner Krippen hier”
Ich steh an Deiner Krippe hier,
o Jesu Du mein Leben;
ich komme, bring und schenke Dir,
was Du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und lass Dir’s wohlgefallen.
Bereits in der ersten Strophe steckt so vieles drin. Was auffällt: Es wird genau das zurückgegeben, was zuvor empfangen wurde. Und es ist nichts zum Anfassen. Es hat mit Geist und Seele zu tun, mit dem Herzen! — Wie wäre das, wenn dieses Jesuskind von deinem und meinem Herz Besitz ergreift? Heute?
Da ich noch nicht geboren war,
da bist Du mir geboren
und hast mich Dir zu eigen gar,
eh ich Dich kannt, erkoren.
Eh ich durch Deine Hand gemacht,
da hast Du schon bei Dir bedacht,
wie Du mein wolltest werden.
Was ist das? — Das Jesuskind, der Weltenherrscher und Gottessohn, hat mich als seine Schöpfung schon vor meinem Entstehen auserwählt, einmal zu Ihm zu gehören?!? — Hey, wie groß ist das? — Da spricht so eine Liebe heraus, die einfach der Wahnsinn ist! Das ist echte Liebe. Liebe zu Menschen, zu Seinen Geschöpfen!
Ich lag in tiefer Todesnacht,
Du warest meine Sonne,
die Sonne die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht’t,
wie schön sind Deine Strahlen.
Ja, was heißt “Todesnacht”? — Sicherlich ein Sammelbegriff für die Schuld & Sünde des Menschen, aber auch für Not, Entbehrung, (Natur-) Katastrophen, einfach scheußliche Schicksale, denen man nach menschlichem Ermessen hoffnungslos ausgeliefert ist. — Da hinein kommt die Sonne, das Lebens-Licht des Gottessohnes in Form von Vergebung, Neuanfang, Hoffnung. Dieses Hoffnungs-Licht ist einfach wunderbar. Wie die Sonne. Und es ist eine Sonne in doppelter Hinsicht: wärmende Strahlen der Liebe und Geborgenheit und zugleich die Strahlen, welche eine Vertrauensverbindung aufbauen und so den Glauben entstehen lassen.
Ich sehe Dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär’
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich Dich möchte fassen!
Was für eine Erkenntnis: durch das Ansehen das Objekt, genauer gesagt, die Person der Anbetung erkennen. “Anbetend stehen bleiben” — da wird eigentlich das Niederknien förmlich mit Händen greifbar. Anbetung geschieht ständig und es ist ein Prozeß. Das Unfassbare: der Gottessohn wird in scheußlicher Armut Mensch. Und ist dennoch Grund für unendliche Freude, Anbetung und Verehrung. Dabei wäre es nicht Gott selbst, wenn es bis ins letzte zu ergründen wäre. So bleibt es bei allem Staunen und Erfassen doch wie ein Abgrund, der seinen untersten Grund nicht freigibt.
Du fragest nicht nach Lust der Welt
noch nach des Leibes Freuden;
Du hast Dich bei uns eingestellt,
an unsrer Statt zu leiden,
suchst meiner Seele Herrlichkeit
durch Elend und Armseligkeit;
das will ich Dir nicht wehren.
Auch diese Strophe ist wieder ein Hammer! Der Satz “Du hast Dich bei uns eingestellt, an unsrer Statt zu leiden” das ist die Selbstaufopferung von jemand, der so demütig ist (d.h. sich selbst zu Null, zu nichts macht), dass es wehtut. Eine Person, die die Herrlichkeit für jemand anderes sucht (hier: die eigenen Geschöpfe!), anstatt die Eigene. — Wo gibt es diese Einstellung bei mir, bei uns? Und außerdem: sind wir bereit dies alles an uns geschehen zu lassen?
Eins aber, hoff ich, wirst Du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
dass ich Dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
So lass mich doch Dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
Dich und all Deine Freuden!
Das Fazit: Der Wunsch nach lebenslanger Beziehung und Verehrung, aber auch die Sehnsucht nach dieser echten Freude, ja den Freuden. Alles liegt in der einen “Ursache”: dem Heiland. — Er ist der Erlöser, der Retter, der alles wieder heil macht. Das menschliche Herz heilt er von Sünde (und löscht diese aus), die Wunden der Seele verbindet er. — Ist Er schon dein und mein Heiland?
An der Krippe zu verweilen kann Anbetung, Erstaunen und ebenso Erkenntnis freisetzen. Paul Gerhardt hat in Worte gefaßt, was in seinem Herzen vorging. Uns ist es gute geistliche Lyrik geworden, ja, eine liebe Tradition, die uns “in Stimmung” bringt. Viel wirkungsvoller wäre es, ließen wir uns auf den Gehalt dieser Worte ein, die das Geschehen in und um die Krippe auf das herunterbrechen, was wirklich darin ist und dahinter steckt. In diesem Sinne, laßt uns anbetend stehn und ausgerichtet sein auf den Heiland.
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