Kreative Lizenzen für Musiker, Kirchen und Gemeinden (Teil 2 von 2)

Musik erschaffen und verbreiten - welche Lizenz?
(Bilder, außer CC: SXC.hu, clix, yejunkim, CraigPJ / Bearbeitung & Effekte: ekkaleo.de)
In meinem ersten Beitrag zum Thema Recht und Gemeinde bzw. Interpreten/ Musik(er) habe ich versucht, einige Grundlagen zu vermitteln. Das dürfte weitestgehend unstrittig sein und sollte in erster Linie verdeutlichen, wie wichtig es ist, diese Fragen im gemeindlichen Umfeld nicht auszuklammern.
Doch das Thema hat weit mehr Dimensionen! Bei Beschäftigung mit der aktuellen Lage der Musikszene, dem Urheberrecht, Lizenzmodellen sowie der besonderen Situation (bzw. Nische) der christlichen Kultur- und Gemeindelandschaft, tun sich weitere Fragen auf. Die zentrale Frage lautet dabei für mich, inwiefern gegenwärtige Lizenzmodelle überhaupt noch funktionieren in der Praxis, bzw. zeitgemäß sind, z.B. in Bezug auf neue mediale Entwicklungen in der Gesellschaft. Ich sehe das alles unter dem Blickwinkel der christlichen Szene und ihrer Besonderheiten (Beziehungen zu Kirchen/ Gemeinden).
Beispiel Lieder: Autoren, Verlage, Liederbücher usw.
Bisher läuft es fast immer so, dass es einen Verlag geben muss, damit das ganze System funktioniert. D.h. ein Liederschreiber kommt irgendwie mit einem Verlag in Verbindung, dieser berücksichtigt die Komposition und übernimmt die Lizensierung und Vermarktung. Je nach Rate und Verbreitung des Stückes kann der Autor entsprechende Tantiemen (Royalties) erhalten, der Verlag wird natürlich auch entsprechend etwas dran verdienen. In der Regel hat der Liedautor bei dieser Vorgehensweise nicht mehr die volle Kontrolle über sein Werk, da ja der Verlag bzw. die Lizenzagenturen die Administration übernehmen. Das mag ein bewährtes System sein und in gewisser Weise funktionieren.
Die Frage für mich ist, ob es weiterhin zeitgemäß ist und neueste Entwicklungen umfassend abdeckt? Ich glaube nicht. Durch die gewachsene, mittlerweile zentrale, Bedeutung des Internets für die Musikbranche (die fromme Nische eingeschlossen!), passt das bisherige Modell nur noch unzureichend. Es gibt mehr und mehr Künstler, die keinen Verlag/ Label mehr haben, sondern eben “indie” sind (unabhängig), bzw. alles im Eigenverlag und mit Selbstmarketing betreiben. Dazu zählen wie gesagt immer mehr Interpreten und auch reine Liederschreiber. Bisher war es zwanghaft notwendig einen Verlag zu haben für Liederschreiber, wenn sie ihre Kompositionen vertreiben und einer großen Masse zugänglich machen wollten. Durch das Internet ist das nicht mehr notwendig. D.h. man kann natürlich mit einem Verlag zusammenarbeiten - was ich klasse finde! - aber wenn man es nicht will oder braucht, dann eben nicht (mehr). Und man kommt eben auch anders voran. Die Möglichkeiten haben sich geändert, d.h. es sind gibt jetzt mehr Optionen, ferner hat sich die gesamte Medienlage dramatisch geändert.
Bisherige Lizenzmodelle nehmen vielen Künstlern etwas von ihrer Freiheit, wo und wie etwas vertrieben wird und zu welchen Bedingungen/ Konditionen. Mehr und mehr Künstler wollen da ausbrechen und wieder mehr selbst bestimmen über ihre ureigendste Kunst - was natürlich ihr absolutes Recht ist!
Neue Möglichkeit mit Zukunft: Kreative Lizenzen?!
Hier kommt nun ein neues Lizenzmodell auf den Plan. Wobei, so neu ist es nicht mehr: die sogenannten “Creative Commons”-Lizenzen (CC) wurden bereits 2001 von dem amerikanischen Rechtsprofessor (Stanford Law School) Lawrence Lessig entwickelt. Im Kern handelt es sich dabei um flexible Lizenzmodelle für alle Kreativen. “Creative Commons” ist nicht nur für die ganze Musikbranche anwendbar, sondern darüber hinaus, doch der Musikbereich dürfte so etwas mit am nötigsten brauchen. Flexibilität ist das A und O hier: der Künstler bzw. Herausgeber bestimmt selbst, was mit seinem Werk geschehen darf und zu welchen Bedingungen. Es gibt dabei kommerzielle und nichtkommerzielle Modelle. Gerade für Künstler, die neuerdings alles im Eigenverlag machen und sich selbst vermarkten, sind diese kreativen Modelle ein hochinteressantes Angebot bzw. “Werkzeug”.
So kann ein Komponist etwa ein neues Lied direkt Gemeinden anbieten, genauso auch Verlagen oder Interpreten, die es covern wollen. Gerade auch die Möglichkeiten neuer Medien, mit sogenannten Mash-Ups (Collage/ Montage/ Remix) wird dabei berücksichtigt, d.h. es wird geregelt wie mit Veränderungen bzw. Derivaten vom Original umgegangen werden darf. Verlage etwa können dann zu den Bedingungen der jeweiligen CC-Lizenz trotzdem weiter in gewissem Umfang das Stück vermarkten usw.. Genauso hat aber etwa eine einzelne Kirche/ Gemeinde die Möglichkeit den Titel zu verwenden, z.B. für ein Chorprojekt oder Ähnliches. Gleiches gilt für Interpreten, Remixer, Sender (Radio, TV etc.) der Komposition. — Oder weiter gesponnen: es gibt das Problem mit den singbaren Übersetzungen von Worship-Songs, sei es nun die Richtung Englisch - Deutsch oder umgekehrt oder in ganz anderen Sprachen. “Creative Commons” könnte auch hier regulierend eingreifen, etwa wenn der Original-Autor festlegt, ob es überhaupt solche Derivate geben darf. Außerdem hätte hier ein CC-Modell den unschlagbaren Vorteil, dass mehrere singbare Versionen gleichberechtigt nebeneinander existieren könnten. Nach bisheriger Praxis reißt sich meist ein einzelner Verlag die kompletten nationalen Liedrechte unter den Nagel, was die jeweiligen Übersetzungen/ Übertragungen quasi mit einschließt. Zu allem Nachteil werden oft keine anderen Übersetzungen mehr zugelassen. Mit CC käme hier eine neue Dynamik ins Spiel, die sowohl dem Original-Autor, den Übersetzern und ebenso Verlagen dient - vom “Endkunden”, also den Anbetern und den Kirchen/ Gemeinden, ganz zu schweigen :-). CC würde in solch einem Spezialfall also zu einer Win-Win-Situation führen und das wäre aus meiner Sicht genau das, was wir brauchen - bisher ist eben noch nicht der Fall!
Ein weiterer Vorteil von CC-Lizenzen ist die relativ einfache Durchschaubarkeit und Nachvollziehbarkeit dieses Systems. Man muss nicht Jura studiert haben, um da durchzublicken und das Ganze anzuwenden. Dennoch ist es kein “Spiel”: die CC-Lizenzen sind allesamt rechtssicher und etwa für Deutschland bzw. viele andere Länder genau der vorherrschenden Rechtslage entsprechend ausgeführt. Entsprechende Urteile in den letzten Jahren haben die Wirksamkeit von CC-Lizenzen bestätigt und lassen daher für einen “live-Einsatz” keine Zweifel aufkommen.
Allerdings ist bis jetzt die Verwendung von CC-Modellen eine Grundsatzentscheidung: denn bisher ist es für Künstler, die “GEMA”-Mitglieder sind, nicht möglich, gleichzeitig bzw. zusätzlich das CC-Modell zu nutzen. Hier zeigt sich einmal mehr, wie engstirnig und wenig zukunftsfähig Organisationen wie etwa die “GEMA” sind. Denn so wird Kreativität und Kunst nicht geschützt, sondern verhindert. Wer sich als Newcomer jedoch für einen Weg wie eben CC entscheidet, dem stehen viele Möglichkeiten offen und man kann sich probieren.
Kleiner Exkurs: weitere Infos und Beispiele
Der Netzexperte und Journalist Mario Sixtus hat als “Elektrischer Reporter” schon mehrfach das Thema Urheberrecht und Lizenzmodelle aufgegriffen und dabei auch das Thema “Creative Commons” beleuchtet. Die Videobeiträge sind hervorragend produziert und bringen in jeweils 10 Minuten das Wichtigste verständlich auf den Punkt. Dabei kommen beide Seiten der (medienpolitischen) Auseinandersetzung zu Wort. Daher sind diese Features fair und regen zur weiteren Beschäftigung mit diesem spannenden Thema an! — Und nun aufgemerkt:
Elektrischer Reporter: Creative Commons und Kulturflatrate:
(Videolink)
Elektrischer Reporter: Urheberrecht:
(Videolink)
Als gute Praxisbeispiele für die bereits laufende Nutzung von “Creative Commons”-Lizenzen seien Jamendo und flickr genannt. “Jamendo” ist laut Selbsttitulierung “eine Community für freie, legale und unlimitierte Musik, die unter Creative Commons Lizenzen veröffentlicht wurde”. Dabei gibt es kostenfreie Nutzungsvarianten, z.B. für rein private Nutzung, oder auch kostenpflichtige Angebote für diverse Einsatzzwecke (audio-visuell; Webseite; Soundtrack etc.). Damit entstehen plötzlich für Künstler Möglichkeiten unkompliziert in (Web-) Radios zu kommen oder auf andere Medien-Produktionen. Neue Dimensionen der (Selbst-) Vermarktung entstehen, ohne auf Zwischenpartner angewiesen zu sein (wenn man das will).
“flickr” ist eine Fotocommunity, in der jeder Nutzer seine Bilder unter eine von mehreren CC-Lizenzen stellen kann. Daraus ist für Nutzer der Bilder, z.B. Blogger, Zeitschriftenherausgeber usw., sofort klar, was sie dürfen und was nicht, wenn sie Interesse haben, Bilder eines entsprechenden Nutzers verwenden zu wollen. Ich persönlich habe auf meinem Profil bereits derartige Anfragen erhalten und die Verfahrensweise ist in der Praxis simpel und genial würde ich sagen. Für beide Seiten ist die Lage durchschaubar und klar. Rechte bleiben gewahrt, Inhaber bzw. Fotograf werden genannt, aber in Zeiten von ‘Neuen Medien’ und ‘Web2.0′ ist eine schnelle Weiterverwendung unkompliziert möglich. So gewinnen beide Seiten!
Fazit:
Frei-kreative Lizenzen wie etwa “Creative Commons” sorgen dafür, dass eben nicht mehr “all rights reserved” sein müssen (also ‘alle Rechte vorbehalten’), sondern eben vielleicht nur noch einige (also “some rights reserved”) oder vielleicht gar keine (also “no rights reserved”). Das kommt einer Revolution gleich. Und egal, ob es den angestammten Verlagen, Organisationen, Lizenzagenturen oder populären Künstlern (die mit dem etablierten Modell gut verdienen) passt oder nicht: neue Wege wird man ausprobieren. Die Schar derer, wo überkommene Modelle nicht mehr passen, wächst stetig. Ich bin deshalb mehr denn je überzeugt: Wer auf Künstler- oder Verlagsseite offen für Neues ist, wird sich so oder so mit diesen kreativen Lizenmodellen beschäftigen (müssen). Ganz sicher. Gerade für den besonderen christlichen Medien- und Musikmarkt sind diese kreativen, flexiblen Rechts- bzw. Lizenzmodelle eine gute Chance, das zu regeln, was zu regeln ist, dies aber passend für die jeweilige Situation und alle Beteiligten. Ich denke, es liegt großes Potential darin, zumal, wenn es dabei letztlich um eine Stärkung der geistlichen bzw. gemeindlichen Kulturszene geht.
Nun muss aber auch klar gesagt werden: kreative Lizenzen wie etwa “Creative Commons” sind nicht die Lösung aller Probleme, sondern zunächst mal ein Ansatz, um aus der in der Praxis verfahrenen Gemengelage um ‘Neue Medien & Urheberrecht’ herauszufinden. Dennoch ist es ein zukunftsweisender, origineller Ansatz, der mutig neue Wege geht, statt nur zu meckern oder den Kopf in den Sand zu stecken. Letztlich entscheiden die Kreativen selbst, ebenso Kirchen/ Gemeinden, Vereine und Verlage bzw. Organisationen, ob diese Modelle (und vielleicht weitere neue Ideen?) dauerhaft eine Chance bekommen. Ich hoffe und wünsche es. — In diesem Sinne: Frisch auf allezeit! :-)
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