Musik und Theologie – Tobias Lampert im Interview

Tobias Lampert spricht zu Musik, Theologie und mehr ... (Foto: privat)

Tobias Lampert spricht zu Musik, Theologie und mehr ... (Foto: privat)

Hier ist das erste Interview, welches ich unter dem Label ekkaleo geführt habe. Mein Gesprächspartner Tobias Lampert ist Musiker und angehender Theologe. Seine ausführlichen Antworten bringen einen hervorragenden Einblick gerade zu den Themen, die zum Kernbereich von ekkaleo gehören. Für eine anschließende Diskussion stehen natürlich die Kommentare offen!

 
Frage, ekkaleo: Servus Tobias, stell dich doch bitte kurz vor. – Wie alt bis du, wo kommst du her, was machst du? – Seit wann und warum bloggst du?

Antwort, Tobias Lampert: Servus David! Ich heiße, wie Du bereits ganz richtig erwähnt hast, Tobias, mit Nachnamen Lampert, und habe mittlerweile 30 Lenze erlebt. Ich bin sozusagen hauptberuflich Theologiestudent, wohnhaft in Neuendettelsau, einem beschaulichen Dorf in Mittelfranken, in dem sich auch die Kirchliche Hochschule Augustana der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern befindet; zuvor habe ich in Tübingen, schon einmal in Neuendettelsau sowie in Oslo (Norwegen) studiert; jetzt geht es langsam aber sicher Richtung Examen. Nebenher und mal mehr, mal weniger intensiv betätige ich mich vor allem als Sänger und Gitarrist.

Bloggen tue ich erst seit Februar dieses Jahres. Angefangen hat das aufgrund einer Mischung von Langeweile, Verzweiflung, Faszination an den Möglichkeiten des Internetzeitalters sowie einem nicht ganz zu leugnenden Mitteilungsbedürfnis: zunächst nämlich wollte ich mich angesichts einer Schreibblockade im Studium einfach selbst dazu überlisten, wieder ein bißchen produktiv zu werden – das war also gewissermaßen ein therapeutischer Ansatz. ;-) Als ich dann gemerkt habe, daß das, was ich da so blogge, tatsächlich auch gerne gelesen wird, war mein Ehrgeiz geweckt, so daß ich (obwohl die Schreibblockade mittlerweile überwunden ist) das Bloggen nicht mehr missen möchte. Unbestritten der Tatsache, daß das ganze „Web 2.0“ manchmal nichts weiter als eine große Luftblase zum Zeittotschlagen ist (zumindest für mich), habe ich doch gemerkt, daß Bloggen auch eine eigenständige und oft gewinnbringende Form von Kommunikation sein kann. Ich habe auf diese Weise einige interessante und wertvolle Bekanntschaften gemacht und immer wieder das Gefühl, näher dran zu sein am Zeitgeschehen. Wo man Medien sonst nur konsumiert, wird man hier selbst zum „Medienmacher“ und gewinnt dadurch eine andere Art von Distanz zu all den Nachrichten, die tagtäglich auf einen einströmen.

Sorry, das war jetzt bereits eine etwas längere Vorstellung. Du siehst, das mit dem Mitteilungsbedürfnis …

 

Tobias Lampert: Theologe und Musiker (Foto: privat)

Tobias Lampert: Theologe und Musiker (Foto: privat)

ekkaleo: Musik ist eines der großen Themen auf deinem Blog. Erst als „Ersatz- später Dauergitarrist“ bei Crushead sowie als Instrumentalist und Sänger bringst du da live-Erfahrung mit ein. Kannst du ein Erlebnis aus deinen Crushead-Jahren nennen, was dich besonders geprägt hat?

Tobias Lampert: Also, in der Tat war ich seit dem Jahr 2002 als Ersatzgitarrist bei Crushead eingebunden, zunächst eher sporadisch, mit der Zeit dann immer häufiger – aber nicht als Dauergitarrist, sondern sozusagen als „Dauer-Ersatzgitarrist“. Matthias Ebinger, für den ich hauptsächlich eingesprungen bin, war bis zuletzt bei Crushead dabei, hatte aber in den vergangenen zwei Jahren so viel um die Ohren, daß ich sehr häufig zum Einsatz gekommen bin, das letzte Jahr dann abwechselnd mit dem fulminanten Gitarristen Hannes Butzer.

Bei so vielen ganz unterschiedlichen Konzerten und den ganzen Erlebnissen drumherum fällt es einigermaßen schwer, ein bestimmtes Erlebnis herauszugreifen – da gab es sehr viele Dinge, die sich eingeprägt haben und die man als Erinnerungsschatz mit sich trägt. Abgesehen von einigen Highlights direkt auf der Bühne (als ein der Mystik aufgeschlossener Mensch hat man da durchaus mal so seine Ekstase-Momente), ist mir vor allem die Meet-Ya Tour, die wir dieses Jahr im März [Anm.: 2008] gemeinsam mit Verra Cruz, KAT, d:Projekt und dem Schweizer Jugendprediger Boppi gemacht haben, im Gedächtnis geblieben. Es war für mich großartig, wie hier Menschen, die sich vorher zum Teil gar nicht kannten, in ein paar wenigen Tagen zu einer echten Gemeinschaft – im besten christlichen Sinne – zusammengewachsen sind und nicht nur die Musik (die ja, wenn man etwa Crushead und KAT nebeneinander sieht, extrem unterschiedlich ist) miteinander geteilt haben, sondern ihren Glauben, ihr Leben.

Zwei Momente haben sich da besonders tief eingeprägt. Da war einmal die Probe für den [tru]: TV-Eröffnungsgottesdienst, wo ich gemeinsam mit Marc von Verra Cruz, Patrick von Crushead und KAT ein paar Worship-Songs einstudieren sollte. Wir haben, wie Musiker das manchmal so machen, wenn sie etwas planlos sind (was eigentlich die Regel ist …) einfach drauflos gespielt und abgewartet, was sich so entwickelt. Wir hatten einige Mühe, wieder aufzuhören, weil sich das ganze zu einer derart intensiven Lobpreis-Zeit entwickelte, wie ich sie selten erlebt habe.

Zum anderen erinnere ich mich gerne an ein stundenlanges nächtliches Gespräch mit dem Verra Cruz-Sänger Marc in unserem Nightliner, irgendwo unterwegs auf der Autobahn. Wir hatten keine Lust, in unserer engen Kajüte zu schlafen, und so haben wir bis zum Morgengrauen über Gott und die Welt philosophiert, verbunden mit einigen ergreifenden Aha-Erlebnissen. Das sind so die Momente, in denen man spürt, wie Gott über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg Begegnung und Verständigung ermöglichen kann, wo Oberflächlichkeiten (die ab und an auch etwas für sich haben) nicht nötig sind und man sein Herz in die Waagschale werfen kann und darf. Als wir uns Anfang September beim Abschlußkonzert von Crushead wiedergesehen haben, war das erste, was wir sagten: „Weißt Du noch – damals im Nightliner?“ :-D

 
ekkaleo: Was war das Geheimnis der Band Crushead? Ich meine, ich kenne nur deren CDs, du warst mittendrin – was war das „gewisse Etwas“ dieser Truppe? Warum konnten sie sich solange so gut behaupten?

Tobias Lampert: Hmm, aus meiner Sicht haben da drei Faktoren eine große Rolle gespielt. Erstens war da, denke ich, eine große Portion Glück (wenn man so möchte, kann man auch Fügung sagen) mit im Spiel, auf die wohl jede Band ein Stück weit angewiesen ist. Für Crushead war es, wenn ich das richtig sehe, damals so eine Art Sprungbrett, als sie zum ersten Mal bei der Owener Rocknacht spielen durften. Dieses Glück ist nicht jeder Band vergönnt. Entscheidend war dann aber auch, was die Jungs daraus gemacht haben. Ein Selbstläufer war das sicherlich nicht, vielmehr haben Crushead es verstanden, die Möglichkeiten, die sich ihnen geboten haben, konsequent und auch durchaus professionell zu nutzen. So konsequent und professionell jedenfalls, wie man es nicht unbedingt jedem Veranstalter oder Plattenlabel in der christlichen Musikszene bescheinigen kann.

Zweitens hat Crushead eigentlich nie einen Hehl daraus gemacht, in gewisser Weise Mainstream sein zu wollen. Der Begriff wird heute ja, gerade auch innerhalb der christlichen Musikszene, von manchen Kulturpuristen nur noch abwertend gebraucht. Das hängt aus meiner Sicht damit zusammen, daß wir uns im Westen als Christen ohnehin schon eine eigene, christliche (Parallel-)Welt geschaffen und uns in ihr eingerichtet haben, daß wir manchmal auch in Sachen Musik irgendwie exklusiv und anders sein wollen. Ich bin jedenfalls mißtrauisch, wenn der Ruf laut wird, Christen müßten die anspruchsvollste Musik überhaupt machen, um überhaupt noch relevant sein zu können. Steckt dahinter wirklich das Anliegen, Menschen mit der christlichen Botschaft zu erreichen, oder wollen wir uns damit nicht doch irgendwie nur wieder selbst produzieren und stilisieren? Nichts gegen gut gemachte alternative Musikformen – im Gegenteil, ich liebe das. Aber Teenager und Jugendliche z.B. wird man damit sicherlich schwerer oder gar nicht erreichen. Crushead wußten das, hatten selbst große Freude an ihrer Art von Musik – und das Publikum hat es ihnen gedankt und ihnen recht gegeben. Man muß nicht Dieter Bohlen heißen und auch nicht Musik machen wie Dieter Bohlen, um Mainstream sein zu können.

Drittens – und das ist, denke ich, auch auf die ersten zwei Punkte bezogen, wohl der wichtigste Faktor: Crushead waren authentisch. Das ist zwar ein Allerweltswort geworden, dient aber vielleicht auch gerade darin als Indikator für die Sehnsucht nach Echtheit. Ich habe die Jungs jedenfalls so erlebt, daß sie sich wenig darum geschert haben, einer bestimmten an sie herangetragenen Erwartung gerecht zu werden. Das waren keine Heiligen (im trivialen Sinne) auf und hinter der Bühne, sondern eben Patrick, Schemme, Matze, David und Jens – und man hat es ihnen abgenommen und sie vielleicht auch gerade deshalb geschätzt und als Vorbilder gesehen. Es gab Leute, die sich darüber echauffieren konnten, daß ein Text wie der von „Easy“ oder eine Textzeile wie „let’s sweat for Christ“ auf einem Album von einer Band seinen Platz findet, die von sich behauptet, aus ganz bewußt lebenden Christen zu bestehen. Das ging so weit, daß man versucht hat, ihnen den Glauben abzusprechen. Das war zwar wirklich eine Ausnahme, zeigt aber doch, daß es solche insgeheimen und auch offenen Erwartungen an Musiker unter uns Christen gibt. Crushead haben dagegen mehr Wert darauf gelegt, souverän damit umzugehen, daß auch sie (wie jeder andere Christ) ihre Unzulänglichkeiten und Macken haben – und stattdessen z.B. bewußt offen zu sein für den persönlichen Kontakt zu den Zuhörern, in dem Glaube überhaupt erst zum Ernstfall werden kann. Schon das ganz junge Publikum, vor allem auch Nichtchristen haben ein sehr feines Gespür dafür, wenn Musiker auf der Bühne das Bild eines Vorzeigechristen abgeben, nach der Show aber unzugänglich sind, oder wenn jemand sozusagen „fünfe gerade sein läßt“, dafür aber auch ehrlich zu seinen Fehlern steht und echtes Interesse an den Menschen zeigt, für die er Musik macht.

Ich habe festgestellt, daß diese Punkte immer wieder von jungen Bands angesprochen werden, wenn die Rede auf Crushead kommt, und daß sie dem auf ihre Weise nacheifern wollen. Insofern haben Crushead für die christliche Musikszene in Deutschland auf jeden Fall etwas geleistet. Nun bin ich mit den Jungs von Crushead zu gut befreundet und habe vielleicht auch als Musiker ein bißchen zu sehr dringesteckt, um das ganze objektiv beurteilen zu können – andererseits z.B. könnte ich mir die Verbundenheit zu Crushead ohne deren Echtheit als Christenmenschen schwer vorstellen.

Tobias Lampert: Ersatz-Dauergitarrist bei Crushead (Foto: privat)

Tobias Lampert: Ersatz-Dauergitarrist bei Crushead (Foto: privat)

 
ekkaleo: Im größeren Zusammenhang: Wie siehst du die christliche Musik- und Medienszene in Deutschland? Kleine Nische oder Geheimtipp mit Potential?

Tobias Lampert: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Es ist definitiv eine kleine Nische – wenn man die Auftritte etwa von Beatbetrieb und Allee der Kosmonauten beim Vorentscheid zum Grand Prix fast schon als Jahrhundertereignisse feiert, dann spricht das Bände über dieses Nischendasein der christlichen Musikszene. Angesichts des zunehmenden Relevanzverlustes, den der christliche Glaube in unserer Gesellschaft erlebt, ist das aber eigentlich verständlich. Klar ist es begrüßenswert, wenn es Bands gibt, die das schaffen – allen Respekt vor dem, was diese zwei Band da z.B. erreicht haben! Aber ich glaube, wir sollten uns von der Illusion verabschieden, Musik mit expliziten christlichen Inhalten könnte hier in Deutschland in den nächsten Jahren in der Breite Erfolge feiern wie etwa in den USA. Das ist nicht weiter schlimm – „Erfolg“ im Sinne des Evangeliums kann man ganz gewiß nicht in Zahlen messen. Der Kern des Evangeliums, die Botschaft vom Kreuz (!), ist hierin selbstredend.

Sicherlich: die Qualität der Musik ist und bleibt etwas ganz entscheidendes, und da gibt es nach wie vor viel Nachholbedarf, gerade in der Künstlerförderung. Dazu ein Erlebnis, das eigentlich Bände spricht: letztes Jahr bei der Christmas Rocknight in Ennepetal habe ich mir ein Interview mit einem Vertreter eines christlichen Plattenlabels angehört. Ich wußte nicht, ob ich lachen oder heulen sollte, als er auf die Frage, was Bands mitbringen müssen, um interessant für die Förderung durch dieses Label zu sein, sinngemäß antwortete: solche Bands müßten möglichst aus instrumentelle Virtuosen, nicht nur aus Freizeitmusikern bestehen, sich eine beachtliche Hörerbasis geschaffen und viele Konzerte gespielt, wegweisend für die Musikkultur in ihrer Gemeinde gewirkt haben, ehrgeizig und innovativ sein etc. pp. Dem Mann (leider jemand, den ich eigentlich wirklich schätze) würde ich empfehlen, sein Label einfach dichtzumachen – ganz einfach, weil es niemand braucht. Das bißchen Promo und Geld, das so ein Label zur Verfügung stellen würde, könnten sich solche Überflieger-Musiker auch noch selbst verschaffen, oder sie heuern besser gleich bei einem säkularen Label an.

Auf der anderen Seite wird dann allerdings ein „David Award“ aus dem Boden gestampft, der sich aufbläst, als wäre es der Echo – und der gerade in dieser Form auf viele Beobachter einfach nur lächerlich wirkt. Ich weiß, daß ich mich damit jetzt weit aus dem Fenster lehne und man das eigentlich nicht macht in unserer Szene. Ich mache es trotzdem. Ganz ehrlich: wenn ich ständig von Relevanz rede, christliche Musiker voranbringen und etablieren möchte, dann ist es eher kontraproduktiv, wenn man 2007 eine „Oh Happy Day“ trällernde Stewardeß als großes Megaspecial der Verleihungsshow ankündigt, die man damals eigentlich nur daher kannte, daß sie einen relativ grausamen Auftritt bei Stefan Raab hatte, der noch dazu nach geschätzten 20 Sekunden von der Werbung abgewürgt wurde. Sorry, ich kenne Deborah Rosenkranz ansonsten nicht und kann mir gut vorstellen, daß sie eine sehr sympathische Person und vielleicht sogar wirklich gute Musikerin mit den achtbarsten Ambitionen ist – die Kritik richtet sich auch gar nicht gegen sie, sondern ganz einfach gegen eine solche Farce von Veranstaltung. Wenn der (selbstverständlich selbsternannte und schon alleine mangels Alternativen) bedeutendste Musikpreis der christlichen Szene um solche Belanglosigkeiten ein derartiges Trara macht, kommt das eigentlich einer Bankrotterklärung gleich und schafft nichts weiter, als das Bestreben nach Relevanz in Eigenregie zu untergraben.

Das soll nicht heißen, daß es nicht schon viele wirkliche Diamanten in der christlichen Musikszene gäbe. Ein Album wie das aktuelle von Sarah Brendel muß man auch im säkularen Bereich erst einmal finden – nur ein Beispiel. Insofern ist die christliche Musikszene auch Geheimtipp, ja. Luft nach oben gibt es immer, nicht nur hier. Und dennoch denke ich, bräuchte es sowohl seitens der „Macher“ als auch seitens der Künstler und Veranstalter, sogar seitens der „Verbraucher“ ein intensiveres Nachdenken darüber, was wir eigentlich wollen, wenn wir eine „christliche“ Musikszene wollen. Es muß nicht die eine Antwort auf alle Fragen gefunden werden – je nachdem können die Ergebnisse durchaus unterschiedlich ausfallen: möchte ich z.B. Musik für die Gemeinde machen, also ganz einfach das christliche Publikum bedienen? Dagegen ist gar nichts einzuwenden: Christen haben ernstzunehmende Bedürfnisse nach erbaulicher Musik, nach Gemeinschaftserlebnissen etc. – wenn ich aber ein Festival veranstalte, das eigentlich genau diese Bedürfnisse bedient, ich es dann aber schade findet, daß eigentlich nur Christen kommen, muß ich mein Konzept eben gründlich überdenken. Das findet längst nicht überall statt. Ähnlich müßte es sein in Blick auf den Markt für christliche Musik, die Rolle christlicher Musiker in der Gemeinde und außerhalb der Gemeinde, den freiwilligen „Dienst“-Charakter christlicher Musik oder die Möglichkeiten der Professionalisierung etc.

Was die Medienszene angeht, kann ich nicht so viel sagen. Aber ich vermute, da wird es nicht grundlegend anders aussehen, wenngleich ich hier durchaus ein paar erfolgreiche Angebote wie (ganz unabhängig von der jeweiligen Qualität) idea gibt, das Pro-Medienmagazin, Jesus.de, Chrismon und mehr. Auffällig daran ist: hinter all diesen Angeboten steckt nicht nur guter Wille, sondern auch jede Menge Geld. Nochmal auf die Musikszene zurückkommend: wo wir Christen nicht endlich unser unentspanntes Verhältnis zum Geld und zur Professionalität überdenken, müssen wir eigentlich gar nicht von erfolgreicher christlicher Musik träumen. Wo ich Talenten mit überzogenen Erwartungen (wie oben beschrieben) begegne, im Gegenzug aber jeden Euro für die Produktionskosten eines Albums oder für die Promotion zweimal umdrehe bzw. lieber gar nicht erst anfasse, kann ich mich aus der Medienlandschaft verabschieden. Auch das ist eine Möglichkeit: christliche Musik nur noch vor Ort in der Gemeinde, unentgeltlich, auf nicht ganz so hohem Niveau, aufs Ganze der Gesellschaft gesehen quasi nicht wahrgenommen, sozusagen einfach nur für den Privatgebrauch; und erfolgreiche „christliche“ Musik nur noch dort, wo Christen ohnehin auf eigene Faust ins professionelle Fach gehen und dort versuchen, ihre Botschaft einzubringen. Wenn ich mir aber unsere Szene ansehe und die Ansprüche, die es da gibt, anhöre, bezweifle ich, daß man das wirklich möchte – nur: genauso verhält man sich in dieser Szene leider oft.

 

Tobias Lampert: alles von Rock bis Gospel (Foto: privat)

Tobias Lampert: alles von Rock bis Gospel (Foto: privat)

ekkaleo: Selbst als Rockmusiker aktiv, doch was sind deine persönlichen Favoriten – im Wohnzimmer Lampert, unter Kopfhörern, wo und wie auch immer? Hast du Tipps für unsere Leser (bzw. Hörer)?

Tobias Lampert: Hmm, ich bin von den Crushead-Jungs immer als „Popper“ gehänselt worden, weil ich bei den Soundchecks meistens irgendeine Schnulze ins Mikro gesäuselt habe … ;-) Und sie hatten damit auch bedingt recht: meine Präferenzen liegen neben der Rockmusik eigentlich vor allem in der Pop-, Gospel- und Songwriter-Ecke, vor allem dann, wenn ich selbst Gitarre und Stimmbänder bediene. Diese Bandbreite spiegelt sich dann auch bei der Auswahl im CD-Player wieder, der von Johann Sebastian Bach über Jazz, Gospel, Folk Rock bis hin zu den ganz harten Sachen so ziemlich alles wiedergeben muß. Am liebsten würde ich jetzt meine persönlichen Top-20-Alben auflisten, aber ich versuche, es etwas kürzer zu machen. Was bei mir in letzter Zeit rauf und runter läuft, sind folgende Alben, die ich wärmstens empfehlen möchte: „Cause and Effect“ von Maria Mena: ein fantastisches Pop-Album, das auch nach dem zwanzigsten Mal Anhören noch richtig Spaß macht und obendrein intelligente und tiefgründige Texte hat. Dann „Southern Weather“ von The Almost: das ist mehr oder weniger ein Solo-Projekt des Schlagzeugers von Underøath – sehr viel knackiger war Rockmusik schon lange nicht mehr. Drittens „Never Going Back to OK“ von The Afters: ein wunderbares Easy-Listening-Album mit Hit-Potential und ein paar ganz starken Balladen. Und weil aller guten Dinge nicht immer drei sind: viertens „The Fight of My Life“ von Kirk Franklin: new Gospel at its best; und fünftens „Journey to Sydney“ von Samuel Jersak: Jazz-Pop zum Träumen. So, das waren jetzt einmal so meine Lieblinge unter den Neuerscheinungen der letzten ein, zwei Jahre.

 
ekkaleo: Schwenk zur Theologie: Was veranlasst einen Rockgitarristen ein Theologiestudium anzufangen? Gibt es da vielleicht sogar Verknüpfungspunkte (neudeutsch: Links)?

Tobias Lampert: Martin Luther soll einmal gesagt haben: „Die Musica ist eine schöne, herrliche Gabe Gottes und nahe der Theologie.“ Wie die Musik kann auch die Theologie ein Nachsinnen über Gottes Wort sein, beide gehören ja auch in ihrer jeweiligen Eigenart in den „schöngeistigen“ Bereich. In der Tat haben Theologen nicht selten eine besondere Affinität zu Kunst und Kultur, das liegt im Optimalfall wohl auch daran, daß sie versuchen müssen und meist auch wollen, das Evangelium in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen zu transportieren und zur Sprache zu bringen.

Ich habe, spätestens seitdem ich Theologie studiere, eigentlich immer versucht, Musik auch unter dem Aspekt der Theologie zu betrachten und Musik selbst so zu betreiben, daß sie in irgendeiner Art und Weise auch durchsichtig wird für das, was ich meine, in der Theologie gelernt zu haben und zu lernen. Ich möchte diese Kombination auch gerne beibehalten, sofern sich das in meinem künftigen Berufsbild verwirklichen läßt.

Der Grund, warum ich heute Theologie studiere, ist aber zunächst einmal bei meinem Religionslehrer in der Oberstufe zu suchen: wo ich andere manchmal schimpfen höre, der Religionsunterricht habe sie nur gelangweilt, wurde ich von seinem Unterricht wirklich gepackt. Ich bin zwar in einer Pastorenfamilie aufgewachsen und zum Glauben gekommen, aber daß und wie man den christlichen Glauben auch systematisch und mit Hilfe der Vernunft reflektieren kann, das war eher Neuland für mich und hat mich sehr interessiert. Als ich dann Zuspruch und Ermutigung von meinem Religionslehrer, meinen Eltern, aber auch von vielen Leuten aus meiner Gemeinde bekam und weitere positive Erfahrungen in dieser Richtung machte, habe ich mich dazu entschlossen, Theologie zu studieren. Und trotz der einen oder anderen Durststrecke habe ich diesen Schritt bis heute nicht bereut.

 
ekkaleo: Mir kommt im innerchristlichen Bereich in Deutschland teilweise zu viel Theologie vor, ich denke, wir brauchen wieder mehr Praxis, mehr authentisch gelebten Glaube. Wie würdest du dieses Verhältnis als angehender Fachmann beurteilen? Wo und warum könn(t)en wir nicht auf die Theologie verzichten?

Tobias Lampert: Ein „Zuviel“ an Theologie kann es eigentlich nicht geben, wenn Theologie wahrhaftige Rede von Gott sein soll – die Frage ist also eher, auf welche Weise Theologie betrieben wird, mit welchen Voraus- und Zielsetzungen. An dieser Stelle gibt es dann berechtigte Anfragen an die akademische Theologie – nämlich, inwieweit sie Theologie wirklich als Funktion der Kirche und als Dienst für das Reich Gottes sein will, oder ob sie sich in ihrem akademischen Betrieb verirrt, die „Bodenhaftung“ verliert und sich selbst sozusagen nur noch um der eigenen akademischen Daseinsberechtigung willen am Leben erhält. Den letzteren Eindruck kann man manchmal haben, wenngleich ich mich da vor einem Pauschalurteil hüten würde. Aber es ist mitunter durchaus ernstzunehmen, wenn von sog. „Laien“ der Vorwurf erhoben wird, was von universitärer Seite zu hören sei, erscheine irrelevant, abgehoben und wirklichkeitsfremd. So sehr sich theologische Forschung nicht von einem Diktat der Kirche abhängig machen soll und darf, so sehr sollte sie doch auch versuchen, die Ergebnisse ihrer Forschung für die Gemeinde fruchtbar werden zu lassen (wobei das dann vor allem auch Aufgabe der Hauptamtlichen im kirchlichen Dienst vor Ort ist) bzw. ihre Fragestellungen durch die kirchliche Wirklichkeit selbst in Frage stellen zu lassen.

Ich habe immer wieder selbst einen großen Mangel an Relevanz dort erlebt, wo der Transfer von der Theologie in den „gelebten Glauben“ nur noch den Studierenden selbst überlassen wurde, ohne Impulse seitens der Lehrenden. Da kommt der Verdacht auf, dieser Transfer sei gar nicht eigentlich wichtig. Und umgekehrt habe ich doch auch viele gute Erfahrungen gemacht, was das Verhältnis von „Lehre“ und „Glaube“ angeht, vor allem an der theologischen Gemeindefakultät der norwegischen Kirche in Oslo, aber durchaus auch hier in Deutschland. Und dabei gilt: „relevante“ Theologie muß keineswegs anspruchsloser, einfacher gestrickt etc. sein als solche Theologie, der man nicht mehr abspürt, daß sie Theologie zugunsten des Glaubens sein will – im Gegenteil. An vielen großen Gestalten der Theologie kann man das sehr deutlich beobachten, daß sie ihre Forschung nicht um ihrer selbst, sondern um der Kirche und des Reiches Gottes willen betrieben haben und so auch zu „Vorbildern“ im Glauben wurden. Für das letzte Jahrhundert wären da z.B. Namen zu nennen wie Adolf Schlatter, Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Romano Guardini, Helmut Thielicke, Ernst Lange u.a.

Was Du ansprichst, hat aber auch mit einer grundsätzlichen Tendenz der „Verkopftheit“ des Protestantismus in Deutschland zu tun. Das liegt vielleicht daran, daß die protestantischen Kirchen als „Kirchen des Wortes“ manchmal ein verengtes Verständnis dessen hatten und haben, was „Wort“ ist – daß sie also sozusagen ausblenden, daß und wie das Wort „Fleisch“ geworden ist und immer wieder „Fleisch“ werden will. In vielen Gemeinden erlebt man das dann als Mangel von „Spiritualität“, also auch als Mangel von „Praxis“. Das kann sich darin äußern, daß das Herzstück des Protestantismus, die Predigt, nicht mehr verstanden wird, nicht mehr aufrüttelt, nicht mehr „erbaulich“, nur noch moralistisch ist etc. – eben, weil die Transferleistung von der „Theorie“ zur „Praxis“ nicht bewältigt wurde. Umfragen zum Erleben der Predigt bei uns in Deutschland bestätigen das leider immer wieder. Was das theologische Studium betrifft, hat man dieses Problem in den letzten Jahren verstärkt erkannt und durch die Einführung geistlicher Begleitung, Modularisierung und stärkeren Praxisbezug des Studiums usw. zu beheben versucht. Da ist längst nicht alles Gold, was glänzt, aber auf jeden Fall merkt man, daß sich hier etwas bewegt.

Wenn Du also danach fragst, wo wir auf Theologie verzichten könnten, dann würde ich sagen: wenn überhaupt, dann allenfalls dort, wo Theologie sich ihrer eigentlichen Aufgabe nicht mehr bewußt und auch nicht zur Korrektur bereit ist. Aber Vorsicht: auch Theologie ist, wie Helmut Thielicke einmal gesagt hat, ein „sündiges Unterfangen“ – ein Unterfangen von Menschen, das darum fehlbar ist und der Vergebung bedarf. Das teilt die Theologie mit allem, was man „Praxis“ und „gelebter Glaube“ nennt – und das sollte dann auch eine Warnung davor sein, Theologie oder auch nur eine bestimmte Form von Theologie gleich zu verteufeln.

 
ekkaleo: Auf unser beider Blogs hat auch schon die sogenannte „Emergente Bewegung“ (Emerging Church etc.) eine Rolle gespielt. Was meinst du, welchen Beitrag der Protestantismus (konkret die „EKD“…) in Deutschland zum emergenten Diskurs bzw. zur Praxis leisten könnte? Wo siehst du Potentiale, wo Probleme?

Tobias Lampert: Das größte Potential der EKD in diesem Bereich ist eigentlich die Struktur der EKD-Kirchen selbst: sie sind ja nicht eine einheitliche theologische und kirchliche Größe, sondern äußerst vielfältig, was Frömmigkeitsformen angeht – da sind Pietisten, Evangelikale, stark konfessionell gebundene Christen, „Linksliberale“ etc. unter einem Dach vereint. Das sorgt für reichlich Zündstoff, aber auch für enormen Reichtum und Chancen. Ähnlich erlebe ich es in der „Emergenten Bewegung“, die nicht einheitlich beschrieben werden kann, die entscheidend auch darin besteht, daß sie sich mit bestehenden Strukturen nicht zufrieden gibt, sich nicht in enge konfessionelle Muster pressen lassen, sondern ganz bewußt aus der Vielfalt schöpfen und diese Vielfalt neu fruchtbar machen möchte für die Verbreitung des Evangeliums. Es gibt deshalb im Kern durchaus parallele Entwicklungen zur „Emergenten Bewegung“ in der EKD, z.B. wenn man das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ oder das verstärkte und neue Nachdenken über Mission in der EKD betrachtet.

Schwierigkeiten liegen vielleicht darin, daß die Mühlen der EKD-Kirchen oft sehr langsam, dafür aber auch oft gründlicher mahlen als anderswo. Bevor hier z.B. neue Gemeindemodelle ausprobiert werden, kann eine lange Zeit verstreichen – mit der Dynamik der „Emergenten Bewegung“ ist das unter Umständen nur schwer vereinbar. Das hängt zusammen mit dem grundsätzlichen „Problem“, daß die „Emergente Bewegung“ bislang eine stark freikirchlich geprägte Bewegung ist, die von teilweise ganz anderen Voraussetzungen herkommt als die EKD-Kirchen, die ja in gewisser Weise auch „Volkskirche“ sein wollen. Aber in dem Maße, wie man in den vergangenen Jahren zunehmend weniger Berührungsängste seitens der EKD mit evangelischen Freikirchen, zumindest den „klassischen“ Freikirchen wie Methodisten, Baptisten u.a. und umgekehrt hat, sollte sich eigentlich auch dieses „Problem“ in den Griff bekommen lassen.

 
ekkaleo: Wie nimmt die universitäre Theologie diese „neue Welle“ (überhaupt) wahr? Oder wird es gar nicht als „Welle“ gesehen?

Tobias Lampert: Meiner Erfahrung nach wird diese „Welle“ bislang in der universitären Theologie so gut wie gar nicht wahrgenommen – ich habe das jedenfalls in meinem Studium noch nicht bemerkt. Bezeichnend dafür: wenn man bei Google die Begriffe „Emerging Church“ und „EKD“ eingibt, ist der erste Treffer ausgerechnet mein Blog theolobias.de! :-D Da habe ich mich doch selbst etwas gewundert, weil ich mich eigentlich nicht als Vorreiter in dieser Hinsicht betrachte, zumindest habe ich das bislang nicht getan. ;-) Ich kenne auch so gut wie keine Kommilitonen oder Professoren/Dozenten, denen der Begriff der „Emerging Church“ überhaupt bekannt wäre. Aber, wie gesagt: die Mühlen der Landeskirchen und so auch der protestantischen universitären Theologie in Deutschland mahlen etwas langsamer als anderswo – das kann also noch werden.

 
ekkaleo: Vor kurzem startete die Reihe „Theologie der Mission“ auf deinem Blog. Mich würde dazu interessieren, wie du die Volkskirchen und Freikirchen verortest. Herrscht eher ein persönliches oder kirchliches/ gemeindliches Bewußtsein vor? Was versteht man (da und dort bzw. allgemein) unter Mission?

Tobias Lampert: So vielfältig die EKD-Gliedkirchen selbst sind, so wenig einheitlich wird da wohl auch das Ergebnis aussehen. Traditionell haben z.B. die Pietisten und die Evangelikalen in der EKD ein recht kompatibles Verständnis von Mission mit dem in vielen Freikirchen, das stark auf das Individuum und den Glauben des Einzelnen abzielt, während die weniger „erwecklich“ geprägten Teile der EKD ein eher traditionell-volkskirchliches Verständnis von Mission haben, das dafür aber auch in viel größerem Maße beispielsweise die notwendige Zusammengehörigkeit von Mission und Diakonie im Auge hatte und hat. Allerdings hat man in der EKD schon vor einigen Jahren festgestellt, daß der eigene gesellschaftliche Relevanzverlust, die teils starken Mitgliederrückgänge etc. ein neues Nachdenken über Mission erfordern – und da ergeben sich mittlerweile schon größere Schnittmengen mit einem eher freikirchlich geprägten Missionsverständnis. Ich habe jedenfalls die Hoffnung und auch den Eindruck, daß wir da wieder zu einem „ganzheitlicheren“ Verständnis von Mission kommen, das nicht mehr das „Seelenheil“ des Menschen gegen die soziale Wirksamkeit des Evangeliums und umgekehrt ausspielen muß.

 
ekkaleo: Mission und Musik sind durchaus sehr verwoben – siehst du christliche Musik als ein Mittel zum Zweck der Mission? Falls ja: grundsätzlich oder nur im Kontext?

Tobias Lampert: Ich habe ein Problem mit dem Ausdruck „Mittel zum Zweck“ – das meint doch im Normalfall eine Abwertung und bloße Instrumentalisierung des Mittels zugunsten des Zweckes. In Bezug auf die Musik hat das in den vergangenen Jahrzehnten zu dem nicht immer unbegründeten Verdacht geführt, die Musik an sich werde von christlichen Künstlern gar nicht so ernstgenommen, man wolle damit im Prinzip nur Seelenfängerei betreiben und lasse deshalb auch die musikalische Innovation und Ernsthaftigkeit vermissen.

Ich glaube, wenn man Musik als natürliche Gottesgabe betrachtet, muß und darf man sie nicht instrumentalisieren. Das bedeutet, daß ich nicht krampfhaft versuchen muß, der Musik eine „Botschaft“ zu verpassen (was dann eben schnell auch „aufgesetzt“ wirkt), mit der man etwas erreichen will, daß ich stattdessen Musik ganz frei und ungezwungen machen kann und sie gerade darin ganz natürlich eine Botschaft übermittelt. Wenn ich also Musiker und zugleich Christ bin, dann wird die Musik, die ich mache, ganz automatisch durchsichtig werden für die frohe Botschaft. Das Paradebeispiel für diese natürliche und unverkrampfte Zusammengehörigkeit von Musik und Glaube (und so auch von Musik und Mission) kann man bei Johann Sebastian Bach sehen: was für eine großartige Musik, was für eine großartige Botschaft (z.B. die h-Moll-Messe oder Bachs Kantaten)! Und dabei konnte Bach sich auch leisten, parallel Kammermusik zu komponieren, die nicht auf „Teufel komm raus“ „christlich“ sein muß – und die nicht trotzdem, sondern gerade deswegen keineswegs im Widerstreit etwa mit seinen Kantaten steht. In der christlichen Bandlandschaft hat man das in den letzten Jahren zunehmend daran feststellen können, daß einzelne Bands sich unwohl gefühlt haben, als „missionarisch“ bezeichnet oder darauf festgelegt zu werden, auf der Bühne „predigen“ zu müssen. Man hat das oft mißverstanden und solchen Bands den Vorwurf gemacht, inkonsequentes Christsein zu führen, gar eine Absage an den christlichen Glauben überhaupt zu machen – dabei stand hier im Hintergrund oft nur das Bewußtsein dafür, daß Musik als natürliche Gottesgabe es nicht nötig hat, instrumentalisiert zu werden für irgendeinen „Zweck“.

Für mich bedeutet das, daß ich keinen Widerspruch darin empfinde, irgendeinen Sting-Klassiker zu covern und gleichzeitig Songs zu schreiben, die – ohne, daß ich großartig darauf abzielen würde – explizit Jesus Christus zum Inhalt haben. Auch ein Sting hat seine Begabung von Gott – und solange hier nicht auf textlicher Ebene Inhalte transportiert werden, die ganz eindeutig meiner eigenen Überzeugung entgegenlaufen, gibt es überhaupt keinen Grund, warum mich diese Musik weniger bereichern sollte. Ich kann auch „Highway to Hell“ von AC/DC hören und zugeben, daß mir das gefällt – obwohl ich mir die Aussage dieses Songs nicht zu eigen machen will und kann. Ich habe als Christ jede Freiheit, hier zu unterscheiden zwischen dem „rein musikalischen“ Wert eines solchen Songs und seiner expliziten Botschaft. Und ein bißchen provokant auf die Spitze getrieben: ich könnte sogar, wenn ich wollte, einen solchen Song covern – solange dabei z.B. die Ironie hinsichtlich des Textes als Ironie erkennbar ist (das wäre dann sozusagen eine Form des Kabaretts).

Alles in allem denke ich: „christliche“ Musik ist wohl dort am wirksamsten, wo sie das Evangelium nicht als „Muß“ begreift, sondern es ganz selbstverständlich einfließen läßt.

 
ekkaleo: Noch ein Wort zu Musik in der Kirche/ Gemeinde: Kann Musik heute das leisten im spirituellen Leben, was oftmals in sie hineingelegt wird?

Tobias Lampert: Entsprechend zur vorherigen Antwort: Musik muß nichts „leisten“. Musik ist in sich spielerisch, frei – und gerade so auch ernsthaft. Sobald ich in der Gemeinde versuche, mit Musik etwas zu „erreichen“, nehme ich ihr dieses spielerische und unmittelbare Moment. Wo ich sie dagegen ganz natürlich und frei als unmittelbaren Ausdruck des Gotteslobs etwa betreibe, kann sie alle möglichen Funktionen haben. Da kann sie dann in der Tat erbaulich sein, im positiven Sinne „belehrend“, bewegend, den Glauben vertiefend, tröstend etc. Sobald ich in meiner Gemeinde sage, „wir müssen jetzt unbedingt eine Lobpreisband gründen“, kann es schiefgehen (sofern diese Aussage nicht Ausdruck eines echten und legitimen Bedürfnisses nach solcher Musik ist). Allerdings brauchen wir auch die grundsätzliche Bereitschaft der Gemeinden, nicht stur und starr an ihrerseits traditionalisierten Formen von Musik festzuhalten, indem etwa das liebgewonnene Orgelspiel gegen „Popularmusik“ (also seien die Choräle ursprünglich nicht auch Popularmusik gewesen) ausgespielt wird. Wir müssen Musik wieder als Gabe entdecken, nicht als Mittel zum Zweck oder als unantastbares bloßes „Traditionsgut“. Glaube wächst nicht durch Zwang, und so wird auch Musik, die verordnet wird, um etwas zu leisten, nichts austragen für den Glauben.

Tobias Lampert ...hat noch viel vor! (Foto: privat)

Tobias Lampert ...hat noch viel vor! (Foto: privat)

 
ekkaleo: Wie wird es weitergehen bei dir? – Studium fertigmachen und dann auch wieder mehr an der Gitarre rocken? Oder weiter in der Theologie vordringen oder Gemeindepraxis vor Ort – hast du da Visionen, bzw. gemeinsam mit deiner Frau, als ganze Familie?

Tobias Lampert: Studium fertigmachen steht auf meiner Liste (und der Liste meiner Frau für mich …) ganz oben. :-) Die Vision ist auch ganz klar: möglichst zunächst einmal ins Vikariat und dann ins Gemeindepfarramt – hoffentlich mit der Gelegenheit, auch weiterhin musikalisch aktiv zu sein, sofern sich das dann mit Familie noch verwirklichen läßt. Auch in dieser musikalischen Richtung habe ich jedenfalls ein paar Pläne, Wünsche und Träume, die ich zwar dem ersten Punkt meiner Liste zunächst einmal etwas unterordnen muß, aber so ganz ohne Musik geht’s einfach auch nicht. Weiter in die Theologie vordringen will ich jederzeit, auch im Vikariat und Gemeindepfarramt, und sollte mich morgen die Erkenntnis übermannen, daß ich zum Promovieren etc. berufen bin, dann bin ich auch dafür offen. Aber daran denke ich, ehrlich gesagt, gerade nicht … :-D Erst einmal das Examen machen … ;-)

 
ekkaleo: Tobias, dabei wünsche ich dir gutes Gelingen — und vielen Dank für das Gespräch!

» Im Web: www.theolobias.de

Über den Autor

David Decker

Ein Erzgebirger, Jahrgang 1977. Musikliebhaber, Radfahrer, Webseiten- und Bücherleser, Kommunalpolitiker, Gemeindemitarbeiter, Gotteskind, Blogger, WordPress-Anwender... Und: Herausgeber von ekkaleo.de [weitere Infos hier...]

4 Reaktionen zu “ Musik und Theologie – Tobias Lampert im Interview ”

  1. [...] Musik und Theologie – Tobias Lampert im Interview [...]

  2. [...] erschien bei ekkaleo das erste Interview und das geht auch gleich in die vollen! Dieser Lesetipp sei zunächst besonders empfohlen. Der [...]

  3. Eine Fülle guter Aussagen!

  4. Danke Rainer, seh ich auch so :-) Ist wirklich eine Bereicherung!

Kommentar hinterlassen

Du kannst folgende XHTML Befehle einsetzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <blockquote cite=""> <code> <em> <strong>