Voll das Leben - Konflikte angehen - Versöhnung suchen

Wiedenester Arbeitstagung für Mitarbeiter in der Gemeinde

Talkrunde zum Thema ´So ist Versöhnung...´ - Wiedenester Arbeitstagung 2009 (Foto: DECKERWEB)

Talkrunde zum Thema ´So ist Versöhnung...´ - Wiedenester Arbeitstagung 2009 (Foto: DECKERWEB)

(Bergneustadt) Mit fünf Brüdern aus meiner Gemeinde habe ich im Februar 2009 erstmals an der “Wiedenester Arbeitstagung” teilgenommen. Was jetzt wie Schule und Weiterbildung klingt, ist (bzw. war) auch in Wirklichkeit so. Doch genau darum geht es bei dieser jährlich stattfindenden Tagung: Schulung, Erfahrungsaustausch, konkrete Hilfe bei Problemen vor Ort und natürlich ganz viel Ermutigung. Die Teilnehmer von Gemeinden aus ganz Deutschland wissen das zu schätzen.

Voll das ungeschminkte Leben, denn Konflikte “leben” und wuchern auch bei Kirchens: Eine neue Erkenntnis ist das nicht. Weitaus wichtiger ist, sich ihnen mutig entgegenzustellen, Atmosphäre zu entgiften, Versöhnung zu ermöglichen und den Weg freizuschaufeln für neue Aufbrüche. Harmonie und Anbiederung hin zu einem Perfektionismus sind kein erstrebenswertes Ziel. Ehrlich Frieden stiften und ein Leben in der Vergebung sind weitaus attraktiver, wenngleich schmerzhafter zu erreichen, doch sie tragen langfristig durch.

Britischer Kaplan zu biblischen Konflikten
Einer der Referenten zu all solchen Fragen war kein Unbekannter mehr in Wiedenest; im Laufe der Jahre war er schon oft in Deutschland zu Gast: John Allan aus Exeter, wo er als Kaplan in einer Schule arbeitet und zur Leitung der Belmont Chapel gehört. Sein englischer Erfahrungshorizont brachte durch die wohltuende Distanz zu Deutschland einige hilfreiche Perspektiven zum Thema “Konflikte in der Gemeinde”. Man hört da anders zu und denkt über Vieles bewußter nach. Die biblische Grundlage für seine Referate waren Apostelgeschichte, Kapitel 15, sowie Galater, Kapitel 3.

Bei Konflikten und das Ringen um eine gute Entscheidung (vgl. Apostelkonzil, Apg. 15), ist das sogenannte “doppelte Hören” (nach John Stott) eine gute Empfehlung: es geht dabei um die eine Frage ‘Was sagt die Schrift?’ und die andere ‘Was tut Gott in der Welt?’. So zu fragen, bewahrt vor Gesetzlichkeit und Entfernung vor Gottes Wort. — Im Mitarbeiterkonflikt von Barnabas und Paulus ist vor allem bemerkenswert, wie offen die Bibel davon berichtet. Es gab auf beiden Seiten nachvollziehbare Gründe, doch zunächst war eine Lösung bzw. Versöhnung unmöglich. Für eine Zeit lang gab es auf diese Weise zwei Apostel-Teams, was für die Ausbreitung des Evangeliums sogar förderlich war, obwohl dadurch der Konflikt noch nicht gelöst war. Erst viel später erfahren wir in der Apostelgeschichte durch das Statement des Paulus (Johannes-Markus war ihm nun doch noch nützlich geworden!) vom versöhnlichen Ausgang der Auseinandersetzung. Das ist bis heute typisch für Gemeinde-Konflikte: oft brauchen die Lösungen einen langen Zeitraum; möglich sind sie auf jeden Fall, wenn auch meist anders, als geahnt.

Strukturkonflikte
Der Wiedenester Werksleiter Gerd Goldmann hob in seinem Seminar (welches ich besuchte) auf die Strukturfrage ab. Als biblisches Modell zog er 2. Mose 18,13-27 heran - ein zunächst ungewöhnlicher Text dafür. Doch seine Auslegung war absolut treffend und bereichernd, wurde doch deutlich, dass es bei Strukturkonflikten auf den “echten Schnitt” ankommt, um zur Lösung der Krise durchzudringen. Mose und dem Volk gelang es, aufgrund des Rats von Jitro (Schwiegervater des Mose) und dem Wirken Gottes. — Auch in der Gemeinde bringen Apelle und Jammern keine Veränderungen, es kommt auf echte, tragfähige Konfliktlösungen an. Wichtig ist dabei die Erkenntnis der Situation und das ein “Schnitt” unabwendbar ist; Personen von außen können dabei eine große Hilfe sein.

Aufbauende Gespräche
Ein lieber Bruder Jan aus Holland sagte nur wenige Sätze im Plenum, war dafür aber um so präsenter in den Gesprächen während der Pausenzeiten. Und genau das war die Würze während der 48 Stunden, die wir arbeitsmäßig konferierten. Bei lecker Kaffee, Kuchen und Eis konnte ließ man schon mal tiefer blicken: eigene Unfertigkeiten, Versagen usw. wurden offenbart. Viel Zuspruch wurde geleistet und dadurch neue Motivation für den Alltag geschöpft. Dieser mag seine Konflikte haben, doch wohltuend ist die Erkenntnis, dass es anderen nicht besser geht, aber man gemeinsam die Chancen und Grenzen von Lösungen besser ausloten kann. — Was auch in den Gesprächen Konsens war: ohne einen Mentor bzw. Berater, der unabhängig von der jeweiligen Gemeinde ist, gibt es kaum Aussicht auf echte Schritte hin zur Konfliktlösung. Wichtig ist dabei aber, dass auch diese Mentoren nicht mit in Auseinandersetzungen hineingezogen werden. Die Praxis gleicht oft einer Gratwanderung. — Was ich besonders mitgenommen habe: Wurzeln der Bitterkeit dürfen wir nicht aufwachsen lassen (vgl. Hebräer 12,15); und ein veränderter Umgang miteinander ist Herzenssache, nicht nur eine des Kopfes bzw. Mundes …

Das Mandat der Versöhnung leben
Gemeindeberater und Seelsorger Bernd Kaltenbach rüttelte mit seiner Bibelarbeit zum 2. Korinther-Brief 5,17-21 das Plenum auf. Das war eine tiefschürfende, sehr praktische und “treffende” (mitten ins Herz!) Bibelauslegung. Wir wurden ganz persönlich angesprochen:

  1. Was motiviert mich, ein solches Mandat zu leben?
    - Die Anfechtungen in unseren Beziehungen offenbaren es
    - Die Liebe Christi
  2. Was hat Gottes Versöhnungstat in meinem Leben verändert?
    - Mein Sein
    - Meine Sicht
  3. Wozu ermächtigt mich Gottes Mandat?
    - “An Christi Statt” zu reden und zu handeln
    - Zum Leben aus der Vergebung

Dieses Referat machte einmal mehr deutlich, dass wir trefflich über Konflikte usw. dozieren können, sei es in Kirchen/ Gemeinden oder woanders, doch ohne das Mandat echter Versöhnung, bleibt jeder Konflikt-Diskurs auf halbem Wege stecken. In diesem Sinne haben Christen eine besondere Herausforderung, ihrem Glauben auch Taten folgen zu lassen. Möglich macht sie Gott durch Jesus Christus. Er ist sozusagen jedem Menschen gegenüber in Vorleistung gegangen, hat geliebt und vergeben. Deshalb müssen wir uns auch immer wieder fragen, was und wo es an uns liegt, ob eine Auseinandersetzung noch nicht beigelegt wurde. Die Bibelarbeit hat mich motiviert, ganz neu gegenüber meinen Geschwistern in “Vorleistung” zu gehen, und die Bereitschaft zur Vergebung und Versöhnung mit Leben zu erfüllen.

Zu diesem Leben in der Versöhnung gehört die Begegnung mit, sowie das Vergessen der möglichen Schuld des/ der Anderen. Christus ist für alle gestorben; daraus erwächst eine dringliche Verantwortung für meine Begegnungen und Beziehungen.

 
In diesem Sinne war es eine sehr wertvolle Arbeitstagung, die viele Impulse für Nachwirkungen bereithielt. So Gott will, werde ich 2010 wieder mit dabei sein.

Über den Autor

David Decker

Ein Erzgebirger, Jahrgang 1977. Musikliebhaber, Radfahrer, Webseiten- und Bücherleser, Kommunalpolitiker, Gemeindemitarbeiter, Gotteskind, Blogger, WordPress-Anwender... Und: Herausgeber von ekkaleo.de [weitere Infos hier...]

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